DOKUMENT DER WOCHE
Chronik einer Debatte: Der "Fall Ermyas M.", die Medien und die öffentliche Wahrnehmung einer rassistisch motivierten Gewalttat
Im April 2006 wurde der schwarze Deutsche Ermyas M. im brandenburgischen Potsdam lebensgefährlich verletzt. War zunächst von einem rassistischen Angriff die Rede, berichteten die Medien bald nur noch von den "vorschnellen und reflexartigen" Reaktionen auf angebliche rechte Gewalt. Für den Verein Opferperspektive, der sich in Brandenburg um Menschen kümmert, die von rassistischer Gewalt betroffen waren, hat die Soziologin Beate Selders die Debatte über den "Fall Ermyas M." in einem ausführlichen Dossier einer kritischen Bilanz unterzogen. Der Freitag dokumentiert einen Auszug.
RECHTSEXTREME GEWALT In Brandenburg werden immer wieder ausländische Händler angegriffen
"Hinten, unter meinen Gürtel, hatte ich den Schleifstahl für das Dönermesser gesteckt. Als die auf mich zukamen, griff ich danach, und sie dachten: ›Der schießt gleich‹, und blieben stehen", erzählt Ali Aydin und zieht kräftig an seiner Zigarette. "Viele denken, alle Ausländer sind in der Mafia und haben eine Waffe. Das ist dumm, aber es hilft manchmal, verschafft dir Respekt", sagt er achselzuckend. Die Geschichte hört sich an wie aus einem Western: Zwei Dutzend aggressive junge Männer belagern den Imbisscontainer und bedrohen seinen Kollegen, der sich eingeschlossen und die Polizei alarmiert hat, während Aydin ihm von außen zu Hilfe kommen will.
POLIZEI UND RASSISMUS Wenn es in Fällen von Polizeigewalt gegen Migranten überhaupt zu Ermittlungen kommt, werden die Verfahren meist frühzeitig eingestellt
Die Polizei steht derzeit nicht gut da: In Berlin äußern sich Polizeischüler antisemitisch und wollen nichts über den Holocaust wissen. In Frankfurt/Main tauscht Michel Friedmans ehemaliger Personenschützer nach Dienstschluss symbolisch die grüne gegen die braune Uniform. In Dessau stehen zwei Polizisten vor Gericht, weil in ihrem Gewahrsam ein gefesselter Asylbewerber zu Tode kam. Sind Polizisten notorisch rechts, rassistisch und gewalttätig?
Die Debatte um sogenannte No-Go-Areas geht am Kernproblem des Alltagsrassismus vorbei
Juni 2005. Dreharbeiten im brandenburgischen Wittenberge. Der dunkelhäutige Schauspieler Steve-Marvin Dwuma entfernt sich vom Set. Auf der Straße beschimpfen ihn Jugendliche als "Nigger", schubsen und schlagen ihn. Kein spektakulärer Vorfall, der öffentlich nur bekannt wird, weil es zufällig einen Schauspieler traf. Der Stoff des Films gibt dieser rassistischen Normalität eine besonders zynische Note: "Neger, Neger, Schornsteinfeger" heißt er und handelt von den Erlebnissen eines Afrodeutschen in der Nazizeit. Rassismus damals wie heute. "Sehen Sie," sagt die Kollegin vom ZDF im fernen Mainz wütend, "deshalb fahre ich nie in den Osten. Meine Tochter hat auch eine dunkle Haut." Gäbe es doch den Ort, der sicher wäre! Im Mai wurden in München die Darsteller der André-Heller-Schau "Afrika Afrika" in der U-Bahn rassistisch angepöbelt. Rassismus hier wie da.
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