Der Unbequeme

Vor 30 Jahren wurde Pier Paolo Pasolini ermordet.

Er war der bekannteste und meistgehasste Künstler Italiens, sein Tod erschütterte das ganze Land und provozierte erstaunliche Reaktionen. Die kommunistische Partei Italiens verlieh posthum die Mitgliedschaft, die sie ihm 26 Jahre zuvor unrühmlich entzogen hatte. Gleichzeitig gab die bekannte kommunistische Publizistin Rossana Rossanda eine gewisse Erleichterung zu Protokoll: „Er war geradezu unerträglich geworden.“ Der Satz spiegelt jene unverhohlene Aggressivität, der Pasolini zeitlebens von vielen Seiten ausgesetzt war.

Unerträglich war Pasolini tatsächlich für manche, vielleicht auch für konkurrierende PublizistInnen. Denn er suchte in exzessiver Weise die öffentliche politische Auseinandersetzung und füllte die Titelseiten der Zeitungen mit seiner Sicht der Dinge.

Am frühen Morgen des 2. November 1975 wurde Pasolinis Leiche in Ostia gefunden, Roms schmutzigem Industrieviertel. Sie war von Folter- und Kampfspuren grausam entstellt. Bis heute ist unklar, wer für die Tat verantwortlich ist. Zwar wurde umgehend der junge Stricher Pino Pelosi verhaftet, mit dem Pasolini die letzten Stunden verbracht hatte. Doch schon damals erschien es sehr fragwürdig, wie ein schmächtiger 17jähriger den durchtrainierten Pasolini auf diese Weise hätte ermorden können. Pelosi gestand die Tat, und die Ermittlungsbehörden gaben sich keine große Mühe, Spuren zu sichern oder in andere Richtungen zu ermitteln. Auch Erkenntnisse von Gerichtsmedizinern, die anhand der Wunden auf mehrere Täter schlossen, wurden ignoriert.

Hartnäckig halten sich Gerüchte, wonach der Mord von einflussreichen, neofaschistischen Kreisen in Politik und Geheimdiensten in Auftrag gegeben worden sei. Sie erhielten vor sechs Monaten zusätzliche Nahrung, als Pelosi vor laufenden Kameras sein Schuldgeständnis widerrief. Stattdessen sprach er, ohne konkrete Angaben zu machen, von Hintermännern, die Pasolini „eine Lektion erteilen“ wollten. Tatsächlich hatte Pasolini als kämpferischer Intellektueller, der sich keiner Norm gefügt hatte, viele Feinde. Er war das öffentliche Ärgernis einer Gesellschaft, die den Faschismus hartnäckig verschwieg und von zwei autoritären Machtapparaten beherrscht wurde: der katholischen Kirche und der Democrazia Cristiana (DC) als „Staatspartei“.

Der Kampf hatte seinen Preis: Ab 1960 wurde Pasolini mit Verfahren überzogen und über 30 Mal vor Gericht gezerrt. Man verklagte ihn wegen „Blasphemie“, „Pornografie“, „Diffamierung“, „Hausfriedensbruch“, „Obszönität“ und „Schamlosigkeit“. Acht Jahre dauerte ein Prozess, nachdem ihn ein Tankwart wegen eines angeblichen Raubüberfalls angezeigt hatte. Er endete, wie alle anderen auch, in zweiter oder höherer Instanz mit Freispruch. Doch Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichtsgutachter arbeiteten massiv an Pasolinis Stigmatisierung. Die öffentliche Verleumdung und Demütigung ging auch in den Gerichtssälen weiter. Genüsslich zitierte die Presse damals aus einem psychiatrischen Gutachten: „Pasolini ist ein triebhafter Psychopath, ein sexuell Anormaler, ein Homophiler im absoluten Sinn des Wortes.“

Pasolinis leidenschaftlicher Kampf für eine Gesellschaft ohne Unterdrückung speiste sich aus der eigenen Erfahrung: Der bekennende Homosexuelle wurde als 27jähriger in seiner Heimatstadt Casarsa zu Unrecht wegen „Unzucht mit Minderjährigen“ angeklagt. Ein politisches Komplott. Pasolini sollte zum Schweigen gebracht werden. Dieses eine Mal gelang es seinen Gegnern. Er verlor sein öffentliches Ansehen, seine Anstellung als Lehrer und die Unterstützung der Partei: Sie schloss ihn „wegen moralischer und politischer Unwürdigkeit“ aus, anstatt ihm den Rücken zu stärken. Der junge Autor war gezwungen, die Stadt zu verlassen und zog im Dezember 1959 nach Rom.

Dort begann sein Aufstieg zum bekannten Lyriker und Romanautor, später auch Filmregisseur, und zum engagierten Intellektuellen. Dabei nahm er keine abgeklärte, sachliche Haltung ein, sondern beharrte auf emotionalen Eingriffen. Das schloss Irrtümer und Widersprüche bewusst ein. Mit seinem offenen Bekenntnis zu Homosexualität und radikal nonkonformistischen Einstellungen bot er außerdem viel Angriffsfläche. So sprach er sich als scharfer Kritiker der katholischen Kirche dennoch gegen die Abtreibung aus. Seine Sympathie für die KPI, mit der er sich auch nach seinem Ausschluss solidarisch zeigte, hinderte ihn nicht, stalinistische Haltungen anzuprangern. Zudem verteidigte er das Recht auf Lust, Leidenschaft und individuelle Freiheit gegen einen autoritären Führungsstil, der von Parteigenossen Pflicht und Gehorsam verlangte.

Während der 68er-Revolte nahm er Polizisten in Schutz gegen gewalttätige Demonstranten: Für ihn war der Aufruhr vor allem ein Generationenkonflikt innerhalb der Bourgeoisie. Er erhoffte sich von der Revolte keine entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen. So galt seine Sympathie den Polizisten aus den unteren Bevölkerungsschichten, auf deren Rücken ein Konflikt ausgetragen würde, der nichts an ihrer unterprivilegierten Lage ändern würde.

Pasolini hatte Ende der sechziger Jahre einen klaren Blick auf die Verhältnisse, und sein Traum von der Revolution war bereits ausgeträumt. In den fünfziger Jahren war er noch fasziniert vom Subproletariat, seinem „revolutionären Subjekt“. Er lernte es in den Armenvierteln Roms kennen: rohe, gewalttätige Jugendliche, die ihren Traum von einem Leben jenseits der bürgerlichen Gesellschaftsvorstellungen nicht aufgaben. Hier fand er auch seinen sexuellen Idealtypus und fuhr nächtelang durch die Vororte und Bahnhofsviertel auf der Suche nach Abenteuern.

Zu Beginn der siebziger Jahre war Pasolini in einer tiefen Krise, und sein letzter Film „Salò oder die 120 Tage von Sodom“ spiegelt diese radikal pessimistische Sicht. Hier bündeln sich die zentralen Lebensthemen Gewalt, Sexualität und Gesellschaft. Pasolini zeichnete das hoffnungslose Bild eines faschistischen Systems, in dem die Herrschenden ihren sadistischen Perversionen freien Lauf lassen können, ohne dass die gequälten Opfer einen Begriff von Befreiung hätten und überhaupt daran denken würden, sich aufzulehnen. Bis heute hat dieser großartige und gleichzeitig kaum erträgliche Filmklassiker nichts von seiner schmerzhaften Provokation verloren. Trotz persönlicher Krise startete Pasolini um so energischer radikale öffentliche Angriffe. Noch kurz vor seinem Tod gab er auf der Titelseite des Corriere della Sera der regierenden DC die Mitschuld an zahlreichen Bombenanschlägen und Attentaten, die Italien seit Anfang der siebziger Jahre erschüttert hatten. Er plante, in Umkehrung der bisherigen Rollenverteilung, sie vor Gericht stellen zu lassen. Doch dazu kam es nicht mehr.

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