Kein Bock auf Nazis, (fluter.de, 13.02.07)

Ein Portal gegen rechte Musik

Turn it down heißt ein Internetportal des Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums (apabiz) in Berlin. Turn it down will ein Forum sein für Musik und Kultur gegen Rechtsrock und informiert über die rechte Rockszene und über Aktionen, Initiativen und Kampagnen gegen rechte Musik. Maja Schuster hat mit Hannes Ritter von Turn it down über rechten Rock, private Konzerte und CDs auf Schulhöfen gesprochen.

Seit wann gibt es Turn it down und was hat euch dazu bewegt, dieses Internetportal zu machen?

In Deutschland gibt es Turn it down seit drei Jahren, in den USA schon längere Zeit. Die US-amerikanische Seite betreiben Freunde von uns, das Center for New Community in Chicago und die Northwest Coalition for Human Dignity. Mit beiden Organisationen arbeiten wir zum Thema Rechtsrock schon lange zusammen. Ziel war es, Informationen gegen Rechtsrock zur Verfügung zu stellen. Es gibt viele gute Ideen und Aktionen. Turn it down kann aufzeigen, was es wo gibt, was funktioniert oder mal funktioniert hat, und wenn nicht, woran das lag.

Wie sieht eure Arbeit konkret aus?

Wir bekommen Anfragen von Konzertveranstaltern, Versänden und Labels, die von uns wissen wollen, ob uns bestimmte Bands bekannt sind. Oder jemand fragt an, ob wir diese oder jene Symbolik auf T-Shirts kennen. Wir organisieren Konzerte und informieren über bestimmte Themen, beispielsweise über die Situation von Musikern in Russland, von denen im letzten Jahr mehrere von Neonazis getötet wurden. Im vergangenen Jahr riefen wir zusammen mit der Berliner Band ZSK die Initiative „Kein Bock auf Nazis“ ins Leben. Wir produzierten eine DVD, auf der Musiker und Schauspieler wie Die Toten Hosen, Die Ärzte, Julia Hummer, Culcha Candela ihre Statements gegen Nazis abgaben. 60.000 Stück wurden bisher von der DVD kostenlos verteilt.

FORUM Rechtsextremismus
Mehr dazu auf fluter.de
Rock! Jugend und Musik in Deutschland
Fünf Jahrzehnte Jugendkultur
Sieg Pop!
Der Underground ist heute rechts. Die Nazis haben sich an die Spitze der Jugendkultur vorgekämpft.

Im vergangenen Jahr wurden bundesweit an Schulen auch CDs mit rechter Rockmusik verteilt …

Das Erschreckende an der Aktion – Nazi-Propaganda kostenlos an Schulen zu verteilen – war, wie unvorbereitet und hilflos die Schulbehörden darauf reagierten. Ganz so, als wären Schulen bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit rechten oder rechtsextremen Erscheinungen konfrontiert gewesen. Viele hat es aber auch wachgerüttelt.

Wie schätzt du das Potenziel rechter Rockmusik ein. Erzeugt rechte Musik rechte Gesinnung?

Ja, auf jeden Fall. Die Neonazis haben sich in Parallelwelten eingerichtet, die es ihnen ermöglicht, eine kontinuierliche Erlebniswelt anzubieten und den steten Nachschub an musikalischer Propaganda zu organisieren. Die Integration und Versorgung des Umfelds ist darüber flächendeckend gewährleistet. In Deutschland existiert der weltweit größte Markt für Rechtsrock. Allein 2005 erschienen knapp 150 CDs , über 250 Konzerte wurden durchgeführt.

Muss man nicht schon sehr genau hinhören, um mitzubekommen, dass es rechtsextreme Texte sind?

Meistens erkennt man solche Bands schon an ihrem Bandnamen wie zum Beispiel Stahlgewitter, Gigi und die braunen Stadtmusikanten oder White Resistance. Aber auch in den Texten wird die politische Ausrichtung deutlich. Auf Turn it down gibt es ein Register mit solchen Bands.

Wie ist die Entwicklung der Nazibands? Gibt es in Ostdeutschland mehr als im Westen?

Da wir das letzte Jahr noch nicht ausgewertet haben, kann ich jetzt nur was zum Jahr 2005 sagen. Die Anzahl der Konzerte steigt jedes Jahr kontinuierlich. 2005 waren es 255 (2004: 155). In Sachsen fanden die meisten (78) statt, gefolgt von Bayern und Thüringen mit je 31, gefolgt von Baden-Württemberg mit 26. Die gestiegene Anzahl neonazistischer Konzerte ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass die Koppelung von „politischen“ und „kulturellen“ Aktivitäten für neonazistische Gruppen zum Standard geworden ist. Gleichzeitig findet eine Entkoppelung neonazistischer Cliquen und Freundeskreise von Führungssystemen der Szene statt. Diese organisieren „ihre“ Konzerte zunehmend selbst, stets im privat deklarierten Rahmen, und werben bisweilen nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Geht ihr auch zu Nazikonzerten und versucht, dort zu stören?

Meistens bekommt man von solchen Konzerten erst im Nachhinein etwas mit. Aber gegen diverse Open-Air-Konzerte, die von der NPD organisiert werden, finden Proteste statt, zu denen einige tausend Menschen kommen.

Habt ihr durch eure Arbeit Probleme mit Anhängern der rechten Rockmusikszene?

Hin und wieder versuchen Bands, uns wegen Verleumdung vor Gericht zu bringen. Aber meistens verläuft das im Sande, weil ihre Chancen vor Gericht vermutlich nicht so gut wären.

Schreibe einen Kommentar