Überleben im kolumbianischen Alptraum (Sendung Nahaufnahme)

Amanda Usuga und die Friedensgemeinde San José de Apartadó

In Kolumbien tobt seit Jahrzehnten ein bewaffneter Konflikt zwischen Armee, Paramilitärs und Guerilla. Er kostete Zehntausende Menschen das Leben, Millionen wurden zu Inlandflüchtlingen. Die Region Urabá an der karibischen Küste ist besonders umkämpft, hier ist auch ein besonderes Projekt zum Schutz der Zivilbevölkerung entstanden: Die
Friedensgemeinde San José de Apartadó. Sie feiert in diesen Tagen den zehnten Jahrestag ihrer Gründung. Amanda Usuga, eine der Gründerinnen, erzählt von den Anstrengungen, inmitten eines schmutzigen Krieges zu überleben. Eine Nahaufnahme von Bärbel Schönafinger und Jörn Hagenloch.

BR2, Sendung Nahaufnahme, Erstausstrahlung 26.03.2007, Länge 27:12 min.
[Atmo Dorfgeräusche]

Sprecher

San José de Apartadó ist ein kleines Dorf im Nordwesten Kolumbiens in der Region Urabá. Das subtropische Klima am karibischen Meer sorgt für eine üppige, verschwenderische Vegetation. Alles wirkt friedlich, doch San José ist kein normales Dorf. Es ist gezeichnet von dem schmutzigen Krieg, der ganz Kolumbien seit vier Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Akteure sind die Guerilla, paramilitärische Gruppen und der Staat. Im März 1997 haben vertriebene Bauern ein Projekt aus der Taufe gehoben, das einen Ausweg aus der schier endlosen Spirale der Gewalt ermöglichen sollte: Die Friedensgemeinde San José de Apartadó.

Eine der Gründerinnen ist Amanda Usuga, heute eine gestandene Frau um die 40, mit breiten Schultern, skeptischem Blick und kurzen krausen Haaren. Sie redet mit lauter Stimme und ist, im Gegensatz zu den anderen Frauen in diesem Landstrich, resolut und selbstbewusst. Im Dorf gilt sie als wichtige Respektsperson.

O-Ton Amanda Usuga

Mein Name ist Amanda Usuga. Als wir uns vor neun Jahren zur Friedensgemeinde erklärt haben, war das die einzige Möglichkeit, um den Krieg zu überleben, der derzeit herrscht. Alleine auf dem Land zu überleben, das ist sehr hart. Es kommen die Paramilitärs und vertreiben oder töten einen. Denn es ist eine gefährliche Gegend und wo auch immer man hingeht, gibt es eine bewaffnete Gruppe.

Sprecher

[Atmo Naturgeräusche, Grillen, Vögel]

Der Konflikt ist alt: Mitte der 60er Jahre gründete sich die bis heute aktive Guerilla-Organisation FARC. Sie konnte die weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen, u.a. die Region Urabá. Zu ihrer Bekämpfung setzte der Staat paramilitärische Einheiten ein, die von der Armee ausgerüstet und ausgebildet wurden. Auch Plantagenbesitzer und Viehzüchter finanzierten starke paramilitärische Gruppen. Sie agierten als Todesschwadrone und waren an unzähligen Massakern und Menschenrechtsverletzungen beteiligt. Die Paramilitärs wurden 1990 zwar von der Regierung verboten, dennoch kämpften sie weiter an der Seite der Armee, wie Berichte von Human Rights Watch, dem UN-Menschenrechtsbüro und Amnesty International belegen.

O-Ton 1 Amanda Usuga (56 sec)

Wenn man an einem Ort lebt, wo die Guerilla ist, dann kommen die Paramilitärs und vertreiben einen oder bringen einen um. Wenn es gut läuft, dann vertreiben sie einen nur. Als sie mich von meinem Hof vertrieben haben, haben sie mir eine Frist von drei Tagen gegeben, um zu verschwinden und ich durfte nichts mitnehmen!

Sprecher

Amandas verlassener Hof liegt rund sechs Stunden Fußmarsch von San José entfernt in Arenas Altas. Sie galt vor ihrer Vertreibung als wohlhabende Bäuerin. Danach hatte sie alles verloren. Doch es hätte noch schlimmer kommen können. Immerhin endete ihre Vertreibung nicht wie bei Millionen anderen in den Slums der Großstädte. Nach einer aktuellen Studie der kolumbianischen Bischofskonferenz wurden zwischen 1995 und 2005 fast drei Millionen Bäuerinnen und Bauern von ihrem Land vertrieben. Der Verlust wird auf rund 4,8 Millionen Hektar beziffert. Das verlassene Land fällt oftmals in die Hände von Paramilitärs und Großgrundbesitzern. Die Region Urabá ist das Zentrum der kolumbianischen Bananenproduktion.

[Atmo Arbeit im Bananenfeld, verpacken etc. ]

Sprecher

Auch in San José werden Bananen für den Export produziert. Amanda bewirtschaftet mit ihren Kindern und zwei Nachbarn ein Bananenfeld. Es gehört zu dem knappen Gemeindeland, das den Vertriebenen zur Verfügung steht. Vom Anbau bis zur Verpackung wird hier alles in Arbeitsgruppen erwirtschaftet. Es werden auch Mais, Yucca, Kaffee, Kakao, Bohnen, Reis und Gemüse gepflanzt. Das sichert die Grundversorgung. Die Menschen wollen möglichst autark leben. Denn manchmal ist es zu gefährlich, ins 15 Kilometer entfernte Apartadó zu fahren, um Lebensmittel einzukaufen.

[Atmo Bananenfeld]

Sprecher

Die Gründung der Friedensgemeinde hatte ein Ziel: Nicht in die Auseinandersetzungen zwischen Regierung, Paramilitärs und Guerilla hineingezogen werden. Denn die Folgen können tödlich sein, wie Amanda auf tragische Weise selbst erleben musste: Ihr Mann verdiente sein Geld mit dem Transport von Waren. Dabei übernahm er auch Versorgungsaufträge für die Guerilla, die damals die Region kontrollierte. Das wurde ihm zum Verhängnis.

O-Ton 2 Amanda Usuga (25 sec)

Wir waren zu Hause, da kamen sie und brachten ihn um. In diesem Fall war es die Armee selbst. Sie haben ihn nicht festgenommen und wegen Kollaboration angeklagt, sondern einfach erschossen. Vor den Augen der Kinder brachten sie ihn um.

Sprecher:

Die Armee schreckte nicht davor zurück, Falschaussagen zu erzwingen, um die eigenen Taten zu rechtfertigen. So musste Amanda fälschlicherweise ihren Mann bezichtigen, als Kommandant der Guerilla für ein Massaker verantwortlich zu sein, das kurz zuvor stattgefunden hatte.

O-Ton 3 Amanda Usuga (59 sec)

Als sie kamen und meinen Mann umbrachten, zwangen sie mich, ein Papier zu unterschrieben. Da stand: „In Arenas Bajas wurde der Kommandant der 5. Brigade der FARC gestellt, der von seiner Frau angeklagt wird, das Massaker im Bajo Deloso verübt zu haben“. Mir wurde ganz anders und ich sagte: „Ich unterzeichne dieses Papier nicht.“ Dann haben sie zu mir gesagt: „Wollen Sie Ihre Kinder großziehen?“ Und ich antwortete: „Natürlich will ich das. Wenn sie schon ihren Vater verloren haben, muss ich sie doch großziehen.“ – „Dann unterschreiben Sie. Schauen sie wie er dort liegt. Unterschreiben Sie, sonst geht es Ihnen wir ihm.“ Sie bedrohten mich mit dem Tod. Also musste ich unterschreiben.

[Atmo]

Sprecher

Die Ermordung von Amandas Ehemann fällt in die Zeit der großen Offensive zwischen 1995 und 1997. Damals brachen Armee und Paramilitärs die Vorherrschaft der Guerilla in der Region Urabá. Darüber hinaus diente die Offensive auch dazu, die starken Landarbeitergewerkschaften, soziale Bewegungen sowie die Linkspartei Unión Patriotica zu liquidieren. Die Unión Patriotica war in Urabá so erfolgreich, dass sie sieben der elf Bürgermeisterämter erobern konnte. Erstmals kamen öffentliche Gelder tatsächlich bei Landarbeitern, Kleinbauern an. Die Partei unterstützte zudem die Gründung von bäuerlichen Kooperativen.

O-Ton 4 Amanda Usuga (52 sec)

Die Unión Patriotica machte eine Politik, die sich für die Gleichheit eingesetzt hat. Sie haben in den Weilern Schulen und Gesundheitszentren aufgebaut. Ich war nie in einer Partei, das hat mir nie gefallen. Aber durch die Unión Patriotica begannen die Leute, sich zu organisieren. Sie haben erreicht, dass Gesundheitszentren errichtet, Straßen gebaut, Schulen und Schülerrestaurants eingerichtet und Lehrer eingestellt wurden. Man lebte damals sehr gut. Alle arbeiteten, niemand wurde bedroht.

Sprecher

1996 war die Unión Patriotica buchstäblich ausgelöscht, Paramilitärs und Armee hatten das Gebiet erobert. Für die Zivilbevölkerung in den abgelegenen Dörfern war es ein Alptraum. 1995 wurden in der Region Urabá fast 1.300 Personen ermordet und über 4.000 Familien vertrieben. Die folgenden Jahren waren kaum friedlicher. In dieser extrem zugespitzten Situation mussten neuen Konzepte zum Schutz der Zivilbevölkerung entwickelt werden.

Der Impuls zur Gründung der Friedensgemeinde kam vom Bischof von Apartadó, Monsignor Duarte Cansino: Die Menschen sollten für sich das Recht reklamieren, unbehelligt als Zivilisten auf ihrem Land leben zu dürfen. Strikte Regeln sollten das Überleben sichern. Ein Schild am Dorfeingang listet sie auf: Der Besitz von Waffen ist verboten, die Konflikt-Parteien sind auf dem Territorium der Gemeinde unerwünscht. Jede Unterstützung, jeder Kontakt mit den Kriegsparteien wird kategorisch verweigert – auch mit der Armee.

Dieses Konzept zog den Unmut von Alvaro Urive Vélez auf sich. Der heutige kolumbianische Präsident war zu jener Zeit Gouverneur des Distrikts. Kurz vor der offiziellen Gründung der Friedensgemeinde kam es zu einem Angriff gegen San José und die umliegenden Ansiedlungen. Amandas Nachbarin erzählt von den Ereignissen. Sie lebte damals in der abgelegenen Siedlung La Unión, sechs Stunden Fußmarsch von San José entfernt.

O-Ton 5 Nachbarin (37 sec)

Als die Paramilitärs nach La Unión kamen, sagten sie zu uns: „Ihr habt keine Zeit um zusammenzupacken. Seht zu, dass ihr sofort von hier verschwindet!“ Wir rafften also schnell das Nötigste zusammen. Wir liefen mit unserem Schwein den Berg hinunter. Die Leute mit den Tieren und den Kindern. Ein langer Treck von Menschen. Über uns kreiste ein Hubschrauber und wir unten am Boden. Die Armee schoss über uns Mörser ab, von einer Seite zur anderen. So sind wir von dort geflohen.

Sprecher

Die internationale Hilfsorganisation Peace Brigades International kümmerte sich zunächst notdürftig um die Geflohenen.

O-Ton 6 Nachbarin (36 sec)

Wir kamen hier her nach San José, die Peace Brigades waren da und haben uns Essen gegeben. 20 Familien wurden im Kindergarten untergebracht. Es wurde für alle in einem riesigen Topf gekocht. Wir aßen von Plastiktellern. Hier waren wir und dann haben wir die Friedensgemeinde gegründet. Wir sahen, dass das die beste Lösung war.

Sprecher

Die kirchliche und internationale Unterstützung sichert bis heute das Überleben. Ohne die Anwesenheit von internationalen Hilfsorganisationen gäbe es keine soziale Versorgung. Alle zwei Wochen bietet die Organisation „Ärzte Ohne Grenzen“ eine Gesundheitssprechstunde an. Zudem lebt eine spanische Menschenrechtsaktivistin in San José und unterrichtet die schulpflichtigen Kinder.

O-Ton 7 Lehrerin (51 sec)

Mein Name ist Yolanda. Ich komme aus Spanien. Ich bin die Lehrerin der Gemeinde. Eines der grundlegenden Rechte der Zivilbevölkerung in Kolumbien und überall sonst, ist die Bildung. Dieses Recht auf Bildung und Gesundheit wird vom kolumbianischen Staat total ignoriert. Das zählt zu den schlimmsten Missständen und Versäumnissen in San José – abgesehen vom

Konflikt selbst. Es gibt also keinen Lehrer in der Gemeinde und es sieht auch nicht so aus, als hätte der Staat auch vor, einen Lehrer zu schicken.

Sprecher

Einmal in der Woche besuchen die Peace Brigades International die Gemeinde. Sie begleiten wichtige Gemeindemitglieder bei Fahrten nach Apartadó oder Medellín. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie unversehrt zurückzukommen. Aber auch die internationale Unterstützung kann die Gewalt nur eindämmen. Seit Gründung der Friedensgemeinde wurden 165 Mitglieder ermordet. Bis heute wurde niemand für die Morde zur Rechenschaft gezogen.

Der Staat bezichtigt sowohl die Gemeinde als auch die Hilfsorganisationen immer wieder, mit der Guerilla zusammenzuarbeiten. Amanda Usuga ist davon überzeugt, dass die Regierung bewusst versucht, das Friedensdorf als Nest der Guerilla zu diffamieren. Als Beispiel dafür schildert sie folgenden Vorfall:

[Atmo Bananenfeld, Feldarbeit]

O-Ton 8 Amanda Usuga (66 sec)

2001 sollte ein Treffen in der Gemeinde stattfinden, zu dem sich viele wichtige Personen aus anderen Ländern angekündigt hatten. Sie wollten die Gemeinde besuchen. Doch der Staat hat uns eine Falle gestellt. Zur Vorbereitung des Treffens waren wir unten in Apartadó. Ich war runtergefahren, um Mehl und Käse zu kaufen, um Buñuelos zu machen. Unten haben sie auf den Jeep eine Kiste mit Sprengstoff und Munition aufgeladen. Als wir im Jeep zurückfuhren, haben uns die Soldaten an der Straßensperre in Caracolí angehalten. Wir mussten alle aussteigen und unsere Sachen ausladen. Wir haben alles abgeladen, was wir dabei hatten und im Jeep blieb eine Kiste. Sie haben die Kiste rausgeholt und gefragt, wem sie gehört. Sie gehörte niemandem, also haben sie uns alle festgenommen und als Guerilleros hingestellt. In allen Zeitungen stand dann, dass elf Guerilleros festgenommen wurden. Das waren wir elf Passagiere im Jeep!

[Atmo Bananenfeld]

Sprecher

Amanda war acht Monate inhaftiert. Da sie ihren Mann verloren hatte, gab es niemanden, der sich um ihre vier Kinder kümmern konnte.

O-Ton 9 Amanda (51 sec)

Mein Sohn, der jetzt 18 Jahre alt ist, konnte damals seine Schule nicht beenden, denn er musste arbeiten gehen, um die anderen Geschwister zu ernähren. Die Tochter, die jetzt in der 7. Klasse ist, konnte auch nicht zur Schule gehen. Sie musste auf die zwei Kleinen aufpassen. Acht Monate dauerte die Untersuchung, danach sagten sie zu mir, dass ich unschuldig sei. Zudem haben sie das Treffen der Gemeinde verhindert. Denn es war in allen Medien verbreitet worden, dass man elf Guerilleros in der Gemeinde gefangen genommen hätte. Deswegen kamen die Gäste nicht und das Treffen konnte nicht stattfinden. Der Staat hat das gemacht, um der Gemeinde zu schaden.

Sprecher

Amanda klingt gleichzeitig traurig und aufgebracht, wenn sie von diesen Ereignissen erzählt. Unter normalen Umständen wäre sie eine wohlhabende Frau mit einer großen intakten Familie. Das, was sie erlebt hat, und ihre Wut scheinen sie zu rastloser Aktivität zu treiben. Die Energie, die sie und andere aufbringen, ist für das Vorankommen und Weiterbestehen der Friedensgemeinde wichtig. Menschen wie Amanda scheinen auch den anderen die Kraft zu geben, ihr Projekt trotz ständiger Rückschläge und Angriffe nicht aufzugeben.

O-Ton 10 Amanda Usuga (58 sec)

Seit Uribe Präsident wurde, gibt es auf dem Land immer mehr Krieg. Die Leute in der Stadt denken, dass die Situation anders ist. Aber jemand der auf dem Land lebt, weiß, welche Situation hier herrscht. Die Soldaten kommen, sie geben sich für Paramilitärs aus und bringen einen Bauern um. Danach tun sie so, als wären es ein Guerillero gewesen.

Jeder, der einen Guerillero abliefert oder sagt, wo sich die Guerilla befindet, bekommt eine Menge Geld. Denn dafür hat der Staat die Mittel. Und da die Leute wissen, dass man einen Guerillero nicht so einfach fangen kann, schnappen sie sich stattdessen einen Bauern, ziehen ihm eine Uniform an und verdienen sich damit ein bisschen was.

Sprecher

In den letzten Monaten wurden die Spitzen des kolumbianischen Staates von großen Skandalen erschüttert. Der Bruder und zwei Cousins von Präsident Uribe stehen im Verdacht, paramilitärische Truppen aufgebaut und befehligt zu haben. Der Chef des kolumbianischen Geheimdienstes sitzt wegen seiner Kontakte zu den Paramilitärs in Untersuchungshaft, aus dem gleichen Grund musste die Innenministerin kürzlich zurücktreten.

[Atmo Vorbereitung der Feier. Jésus und Amanda suchen Rost, Megafonstimmen, die nicht übersetzt werden. Dorfplatz: Durchsagen über dem Laussprecher, Unterhaltungen, Kinder, Soundcheck]

Sprecher

Heute ist der Jahrestag der Gründung. Amanda und Jésus, einer der Gemeindesprecher von San Jose, sind auf der Suche nach einem Rost, auf dem im Freien gekocht werden kann. Frühmorgens hat Jesús zwei Schweine für das Fest geschlachtet und damit das ganze Dorf geweckt. Es werden über 600 Gemeindemitglieder erwartet. Viele kommen aus den umliegenden Ansiedlungen.

{Atmo Jungs singen zur Musik aus dem Radio, Stimmengewirr, Hunde kläffen]

Auf dem Versammlungsplatz wird das Essen vorbereitet. Amanda zerteilt das Fleisch, eine Nachbarin scheidet Frühlingszwiebeln. Große Mengen Yukka werden geputzt und vorgekocht. Alle versammeln sich am Gemeinschaftspavillon in der Mitte des Dorfes. Unablässig treffen neue Gruppen ein, die sich schon früh am Morgen von den abgelegenen Ansiedlungen auf den Weg gemacht haben. Teilweise liegen acht Stunden Fußmarsch hinter ihnen. Die Sprecher der Gemeinde verkünden den Ablauf des Festtages: Zuerst ein Schweigemarsch, dann der Besuch des Friedhofs, eine Gedenkveranstaltung, dann gemeinsames Essen, ein Fußballturnier, abends Tanz.

[Atmos: Marsch zum Friedhof]

Die Gemeinde macht sich auf zu einem feierlichen Marsch über die schlammige Landstrasse. Vorne gehen die Kinder, anschließend die Gemeindesprecher und die übrigen Bäuerinnen und Bauern. Manche halten Transparente in der Hand, auf denen steht, was die Gemeinde in nächster Zeit plant und was sie vom Staat fordert. Alle tragen Gummistiefel. Viele Frauen haben sich schön gemacht und Lippenstift aufgelegt. Nach einer kleinen Weile biegt der Zug von der Hauptstrasse ab und bewegt sich zum Friedhof der Gemeinde. Schweigend gedenken die Menschen der vielen Ermordeten. Es werden Kerzen aufgestellt. Schließlich ergreift einer der Gemeindesprecher das Wort:

O-Ton 11 Gemeindesprecher (56 sec)

Wir gedenken der 165 Menschen, die wir verloren haben. Die bloße Tatsache, dass sie nicht körperlich bei uns sind, bedeutet nicht, dass wir sie vergessen haben oder dass sie uns vergessen haben. Wir halten weiter daran fest, dass wir etwas aufbauen müssen, das anders ist.

Erinnern wir uns an die Worte von Luis Edoardo, der gesagt hat: Wenn sie ihn für diese Sache umbringen würden, dann müssten sie es eben tun. Und heute stehen wir hier und bekräftigen seine Worte: Wenn sie uns dafür, dass wir etwas anderes aufbauen wollen, weil wir nicht einverstanden sind mit den Angriffen, die der Staat gegen uns durchführt, – wenn sie uns deswegen umbringen werden, dann müssen sie uns eben umbringen. Denn wir, die Friedensgemeinde San José de Apartadó, denken nicht daran, zurück zu weichen, in keinem Moment.

Sprecher:

Nach der Ansprache gehen die Leute schweigend zum Dorf zurück. Zwei Polizisten patrouillieren an der Straße. Sie werden nicht beachtet, niemand hat sie gebeten zu kommen.

Während die Gemeinde den Friedhof besuchte, hat Amanda mit anderen Frauen das Essen vorbereitet. Fleisch zu essen ist in San José etwas Besonderes. Amanda verteilt die Portionen und versorgt diejenigen zuerst, die seit dem frühen Morgen auf den Beinen sind.

[Atmo Essen ausgeben, Amanda spricht, Tellergeklapper, Kinder spielen Fußball…]

Sprecher

Die Friedensgemeinde hat in den zehn Jahren ihres Bestehens ihre Neutralität unter großen Verlusten aufrecht erhalten. Bis heute ist das Klima der Angst geblieben. So verübte die kolumbianische Armee vor zwei Jahren ein Massaker, bei dem u.a. der Gemeindesprecher Luis Edoardo Guerra, zwei Kleinkinder und ein Baby ermordet wurden. Erst von wenigen Wochen hat Amnesty International wieder einen weltweiten Hilferuf veröffentlicht, da ein weiteres Massaker gegen die Friedensgemeinde angekündigt wurde.

Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Nach dem Vorbild von San José sind in Kolumbien mittlerweile 50 weitere Friedensgemeinden entstanden. Die mutigen Bewohner haben ein internationales Netzwerk von Unterstützern aufgebaut. Es gibt es konkrete Pläne, die in San José produzierten Minibananen künftig per Direktimport fair gehandelt in Europa zu verkaufen. Und zum 10. Jahrestag der Gründung wird mit internationaler Unterstützung eine Solaranlage errichtet. Es ist ein Modellprojekt, bei dem Ingenieure aus Kolumbien und anderen Ländern zusammen arbeiten. Mit den gesammelten Erfahrungen sollen auch andere Friedensgemeinden in Kolumbien mit Solarenergie ausgestattet werden. Bald schon soll durch weitere Ausbaustufen eine autarke Stromversorgung gesichert werden. Denn San José wird für die vertriebenen Bäuerinnen und Bauern noch lange das Zuhause bleiben. Auch für Amanda Usuga.

[Atmo Fußball, Musik, Ansprachen durch das Mikrofon]

O-Ton 12 Amanda Usuga (59 sec)

Mein Land liegt dort brach. Ich weiß nicht, ob sich die Lage eines Tages wieder normalisiert. Bisher denke ich nicht mal darüber nach. Ja, ich würde gerne zurückkehren. Aber das würde sehr große Veränderungen voraussetzen. Jetzt mit dem Terror bin ich nicht in der Lage, dort zu leben. Denn in den letzten vier Monaten sind wieder vier, fünf Bauern ermordet worden, die dafür gekämpft haben, dort wieder leben zu können. Das macht einem Angst. Ich habe große Angst zurückzukehren. Denn ich habe zwei kleine Kinder und einen Sohn, der gerade 18 ist. Ich habe Angst, dass sie kommen und ihn erschießen. Weil er so jung ist und weil es eine gefährliche Gegend ist. Es ist eine sehr gefährliche Gegend. Besser, man versucht hier in der Gemeinde zu überleben, solange man noch atmet.

Schreibe einen Kommentar