Wenig Angebot bei guter Nachfrage

Sprich deutsch, sagt die Politik. Diese Aufforderung ist bei MigrantInnen angekommen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Allein an der Volkshochschule Kreuzberg-Friedrichshain finden derzeit 71 Deutschkurse statt. Doch das Kursangebot soll im Herbst um 40 Prozent reduziert werden, weil kein Geld mehr da ist. Gekürzt wird sowohl bei den Integrationskursen als auch bei Deutschkursen, die ein höheres Sprachniveau voraussetzen.

Die Integrationskurse wurden im Zuge des Zuwanderungsgesetzes vor vier Jahren eingeführt. Bundesweit eine halbe Million Menschen hat seitdem daran teilgenommen – teils freiwillig, teils durch das Jobcenter verpflichtet. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das diese Zahl als politischen Erfolg wertet, finanziert das Kursangebot zu 75 Prozent. Dabei erhalten die Pflichtteilnehmer, die vor allem die Anfängerkurse belegen, eine Vollfinanzierung. Für freiwillige Teilnehmer gibt es nur eine 50-Prozent-Förderung durch das BAMF.

Nach Aussage von Susanne Metz, der Leiterin des Amtes für Bildung und Kultur im Bezirksamt, ist die Nachfrage nach Deutschkursen insgesamt ungebrochen hoch. Doch meldeten sich mittlerweile mehr freiwillige Teilnehmer zu Kursen mit höherem Niveau an. »Eigentlich ist das ein Erfolg«, so Metz. Doch der rechnet sich nicht, schließlich fehlt die Vollfinanzierung durch das BAMF. Es sei politisch gewollt, die Integrationskurse beizubehalten, betont Susanne Metz. Um den Bedarf an Sprachkursen zu decken, habe die VHS 2008 und Anfang 2009 auf Rücklagen zurück gegriffen, die nun verbraucht seien.

Dass die Anfängerkurse weniger nachgefragt werden, können die 20 Dozenten an der VHS Friedrichshain-Kreuzberg nicht nachvollziehen. Sie berichten von Warteschlangen vor den Beratungszimmern – und ohne Beratung kein Besuch von Sprachkursen. Die Deutschdozenten kritisieren, dass die Beratungstermine in der Vergangenheit reduziert worden seien – mit dem Verweis auf Informationsmöglichkeiten per Hotline und Internet. Ihrer Einschätzung nach versperrt dies den SprachanfängerInnen den Weg in die Volkshochschule. »Sie fallen aus dem Netz und kommen einfach nicht mehr«, so eine Dozentin, die ihren Namen nicht nennen will, weil sie als Honorarkraft um ihren Job fürchtet. Die geplante Kürzung beschert ihr einen Einkommensverlust, durch den sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten kann. Die vom Bezirk angebotenen Ersatztätigkeiten an der VHS könnten die Einkommenslücke der Dozenten nicht hinreichend füllen.

Auf Unverständnis stößt die geplante Kürzung auch bei Pavao Hudik vom Migrationsrat Berlin-Brandenburg. »Das Jobcenter, die Ausländerbehörde – alle machen Druck, die deutsche Sprache zu erlernen. Wenn die Leute dann soweit sind, wird gekürzt.« Er schätzt das gute Sprachangebot der VHS, hat er dort in der Vergangenheit doch selbst zahlreiche Deutschkurse belegt. Viele Menschen in Kreuzberg und Friedrichshain müssten nun monatelange Wartezeiten in Kauf nehmen respektive auf Kurse in anderen Bezirken ausweichen, kritisiert Hudik.

 

Der Artikel erschien am 6.6.2009 in der Tageszeitung Neues Deutschland.

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