Von Dinosauriern zu Lichtschaltern (ND 2011)

Deutschland und Tschechien sind Stromexporteure, der östliche Nachbar Polen weitgehend energieautark. Die Versorger in allen drei Ländern beteuern, nicht ohne die Braunkohle auszukommen.

 

Karl Ludvik ist kein Mann, der gerne redet. »Kommen Sie!« sagt er und schreitet ungeduldig voran durch die noch leere Turbinenhalle. Den Neubau des Kraftwerks Ledvice in Nordböhmen zu koordinieren, ist sein letztes großes Projekt vor dem Ruhestand. Oben auf dem Treppenturm thront eine Aussichtsplattform. Gen Horizont zieht sich ein brauner Streifen durch die sonst grüne Landschaft, der Tagebau Bílina, der das Kraftwerk versorgt. »Der Standort Ledvice wurde gewählt, weil in Bílina noch genug Kohlevorräte vorhanden sind«, erklärt Ludvik. Ab 2014 soll das neue 660 Megawatt-Kraftwerk regulär Strom produzieren, 40 Jahre lang soll es am Netz bleiben.

Im modernen Besucherzentrum von Ledvice kann man per Joystick und Beamer durch das zukünftige Kraftwerk fliegen, rechts unten flimmern technische Daten durchs Bild. 610 Grad werden beim Verbrennen erreicht. Karl Ludvik weiß weitere Daten aufzuzählen: Das Kraftwerk benötigt 560 000 Kubikmeter Kühlwasser pro Stunde. Der Stromgenerator ist mit 385 Tonnen das schwerste Teil im Kraftwerk. Wieviel Kohlendioxid das Kraftwerk in Zukunft ausstoßen wird? »Ich habe die Zahl nicht im Kopf, sie steht irgendwo in meinen Unterlagen.«

Im 3D-Kinosaal dürfen die Besucher den eigens für den Kraftwerksbetreiber CEZ produzierten Film »Geschichte der Energie« bewundern. Kometen hageln auf die Zuschauer ein, animierte Dinosaurier kommen aus der Leinwand gerannt, Urwaldbäume fallen um und versteinern. Und plötzlich gibt es Straßenlaternen, die Menschen wandeln durch glitzernde Shoppingcenter. Damit ist die Geschichte der Energie nach CEZ zu ihrem Ende gekommen.

Jan Rovensky redet schnell, versucht in eine Stunde Bustour ein Maximum von Informationen zu packen. Der Leiter der Klimakampagne von Greenpeace in Tschechien kämpft gegen den geplanten Ausbau des Braunkohletagebaus, den Weiterbetrieb des Kraftwerks Prunerov und die großzügige Vergabe von Emissionsrechten in seinem Heimatland. »Die Tschechische Republik ist der viertgrößte Energieexporteur in Europa«, sagt Rovensky. Mit zwölf Tonnen pro Kopf hat Tschechien gleichzeitig eine der höchsten CO2-Emissionsraten in Europa.

Der Energiekonzern CEZ, an dem der Staat den Hauptanteil hält, setzt weiterhin auf den Ausbau konventioneller Energien. 2009 exportierte Tschechien 3,6 Milliarden Kilowattstunden Strom, das sind 17 Prozent seiner Gesamtproduktion. »Wir könnten die drei größten Kraftwerke außer Betrieb nehmen, ohne der tschechischen Energiesicherheit zu schaden. Wir würden damit nur den Export des dreckigen Stroms ins Ausland stoppen«, ist Rovensky überzeugt.

 

Angeblicher Strommangel

 

In Nordböhmen stehen die Braunkohlekraftwerke Ledvice, Pocerady, Tusimice und Prunerov im Abstand von maximal 50 Kilometern. Hier liegen die Braunkohlevorräte des Landes, die einst die Schwerindustrie anzogen und deren Verbrennungsrückstände als saurer Regen über die Wälder niedergingen. Seit in den 90er Jahren Entschwefelungsanlagen eingebaut wurden, ist es um die Wälder wieder besser bestellt. Für Rovensky sind all diese Kraftwerke überflüssig, auch wenn Ledvice energieeffizienter arbeiten wird als seine Nachbarn.

Trotz Tschechiens Stromüberschuss versuchten Politiker und Industrie, den Leuten vor einem Strommangel im nächsten Jahrzehnt Angst zu machen. »Ich weiß nicht, ob ich das lächerlich oder traurig finden soll«, sagt Rovensky.

 

Auch bei den Nachbarn in Polen wird das Argument der Versorgung angebracht. »Wir werden die Energiesicherheit in Südwestpolen verbessern«, argumentiert Danuta Wesolowska-Wujaszek in der polnischen Grenzstadt Gubin. »Es werden Fabriken in der Umgebung entstehen, und es wird Arbeit für viele Leute geben.«

Wesolowska-Wujaszek ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Wirtschaft und Energie in der Verwaltung des Bezirks Lubuskie. Geologische Erkundungen rund um das Grenzstädtchen Gubin erregen hier schon jetzt die Gemüter. Schätzungen des polnischen, sich mehrheitlich im Staatsbesitz befindlichen Energiekonzerns PGE zufolge liegen hier 4,25 Milliarden Tonnen Braunkohle unter der Erde. Ein Kraftwerk mit einer Kapazität von 4600 bis 9000 Megawatt ließe sich damit betreiben, so eine PGE-Veröffentlichung aus dem Jahr 2008.

 

Gigantischer Tagebau in Planung

 

Um sich die Dimension des Vorhabens vorzustellen, empfiehlt sich ein Ausflug zum weiter südlich gelegenen Tagebau Turów, der ein 2000 Megawatt-Kraftwerk mit Brennstoff versorgt. Auf einen der acht Kühltürme des Kraftwerks ist eine strahlende Sonne vor blauem Himmel gemalt. Die 2007 vom Worldwide Fund for Nature veröffentlichte Aufstellung der 30 dreckigsten Kraftwerke listet Turów auf Rang Acht. Das war bereits nach der Modernisierung. Das Betriebsgelände des Energiekonzerns PGE bildet eine eigene kleine Stadt in der Stadt, abgegrenzt mit Schranke und Pförtnerhäuschen. Der Tagebau selbst lässt sich mit dem bloßen Auge kaum erfassen. Die Bagger kriechen Insekten gleich über die verschiedenen Etagen der vegetationslosen Landschaft. 842 Millionen Tonnen Braunkohle wurden seit 1947 in Turow gefördert. Knapp halb so viel ausbeutbare Braunkohle liegt noch in den Flözen, mit dem Abbau wird PGE voraussichtlich bis 2043 beschäftigt sein.

In der Mitte des Dörfchens Jasienica, unweit von Gubin, steht das obligatorische eingezäunte Holzkreuz, neben der von Schlaglöchern zerfurchten Straße ein Bushaltehäuschen. Im Gemeindezentrum, einer einfachen Holzhütte, sind die Wände mit bunten Kinderzeichnungen zum Erntedankfest dekoriert. Tadeusz Zychlinski und Pawel Mrowinski haben Angst, dass an der Stelle ihres Dorfes bald nur noch eine gigantische Grube sein wird. Größer noch als die in Turów. Nicht nur die Häuser, auch die umgebenden Felder und der Wald, in dem Pawel Mrowinski Förster ist. »Ich habe voller Freude einen Spaten ergriffen, um hier zu bauen«, erinnert der Förster seine Ankunft in Jasienica, »dann hörte ich, dass hier ein Tagebau eröffnet werden soll.« Die Einwohner des Dorfes beschweren sich, dass die Informationen über das Projekt nur sehr spärlich fließen. Wann sie genau umgesiedelt würden, wie weit die neuen Dörfer wiederum von der Tagebaukante entfernt wären, alles ist ungewiss.

 

An den Aufschwung glaubt kaum jemand

 

An den wirtschaftlichen Aufschwung, von dem Danuta Wesolowska-Wujaszek redet, glaubt Bürgermeister Tadeusz Zychlinski nicht. »Die Leute bekommen keine Jobs im Tagebau. Sie gehen nach Frankreich, um Erdbeeren zu pflücken«, erzählt Zychlinski. Er empfiehlt der Bezirksverwaltung einen Blick über die Grenze, in die deutsche Braunkohleregion.

Hier liegen die Kraftwerke Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe. Rang 4, 10 und 14 bei den »dreckigen Dreißig« des WWF. Sie gehören dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall, dem führenden Stromproduzenten im Osten Deutschlands. Der Konzern gibt sich gern ein sauberes und transparentes Image. Das Kraftwerk Schwarze Pumpe glitzert silbern in der Sonne, »trotz seiner 13 Jahre«, wie Vattenfall-Pressesprecher Lutz Picard betont. Picard führt fast jeden Tag Besuchergruppen durch Schwarze Pumpe. Doch das 1600-MW-Kraftwerk ist eher ein Nebendarsteller. Auf demselben Gelände betreibt Vattenfall seine Pilotanlage zur Kohlendioxidabscheidung, Voraussetzung dafür, das Treibhausgas einmal im Untergrund versenken zu können. »Vattenfall ist daran interessiert, noch ein bis zwei Generationen von Braunkohlekraftwerken zu betreiben«, erklärt Picard. Damit die Nutzung rentabel bleibt und keine Emmissionszertifikate anfallen, müsste sich Vattenfall mit dem »CO2-freien Kohlekraftwerk« durchsetzen.

Doch der Widerstand in den zur Verpressung vorgesehenen Orten ist massiv, es fehlt das seit langem angekündigte Gesetz zur Kohlendioxidspeicherung, und die Kosten für die Abscheidung werden dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zufolge weit höher liegen als bisher angenommen. Mitte September gingen Gerüchte durch die Presse, Vattenfall würde in Deutschland aus der Braunkohle aussteigen, das Dementi aus der Konzernführung folgte prompt. »Wir halten aus jetziger Sicht an der Braunkohleverstromung fest«, ist alles, was Picard dazu sagen kann.

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