Senegals Altpräsident will nicht gehen

Am Sonntag entscheiden die Wähler im westafrikanischen Senegal über ihren künftigen Präsidenten. Vier Wochen nach der ersten Runde stehen sich in der Stichwahl der 85-jährige Amtsinhaber Abdoulaye Wade und Herausforderer Macky Sall (51) gegenüber.

Ob im Taxi, an der Haltestelle oder beim Einkaufen, in Dakar wird in diesen Tagen nur eine Frage diskutiert: Wer wird Senegals nächster Präsident? Ginge es nach den Graffiti an den Wänden, stünde der Verlierer bereits fest: »Wade, c’est fini«, »Hau ab!«, »Mörder!« und »Scher dich zum Teufel!« sind nur Beispiele für die zahllosen Verwünschungen, die Abdoulaye Wade deutlich machen sollen, dass die meisten seiner Landsleute mit ihm als Präsidenten fertig sind. Die erste Wahlrunde sah Wade zwar mit fast 35 Prozent der Stimmen vorn, doch Beobachter glauben, dass Macky Sall, der auf knapp 27 Prozent gekommen war, als Gewinner aus der Wahl am Sonntag, den 25. März, hervorgehen wird, zumal er die Unterstützung mehrerer ausgeschiedener Bewerber genießt.

Dabei ist der 51-jährige Geologe mit seiner Liberalisierungspolitik längst nicht für alle ein Traumkandidat. Schließlich gehörte er selbst von 2000 bis 2008 der Regierung an. Unter Wade war er Energieminister, Innenminister, Premierminister und schließlich Parlamentspräsident. Bis er in Ungnade fiel, weil er ausgerechnet Karim Wade, den Präsidentensohn, wegen Korruptionsvorwürfen zu einer Anhörung in die Nationalversammlung bestellt hatte.

Doch viele Senegalesen werden Sall allein deswegen wählen, weil sie Wade und seine Vetternwirtschaft nicht mehr ertragen wollen. Nachdem er zunächst seinen Sohn Karim zu seinem Nachfolger erklärt hatte, verkündete der 85-Jährige Wade, dass er sich doch selbst um eine dritte Amtszeit bewerben werde, obwohl die Verfassung nur zwei fünfjährige Amtszeiten vorsieht. Das brachte für viele Senegalesen das Fass zum Überlaufen. Da helfen auch Wahlgeschenke nur noch bedingt. Verschiedenen religiösen Führern bot Wade unverhohlen hohe Geldsummen an, und wo sein Wahlkampfteam auftaucht, gibt es Reis für alle. Dabei wirkt der Präsident bei seinen Auftritten zunehmend realitätsfern. Kürzlich stellte er sich vor die Presse und verkündete: »Ich bin der Mann hinter all dieser wunderbaren Infrastruktur, die Sie in diesem Land sehen können.«

Tatsächlich haben sich die Probleme des Landes durch Wades Liberalisierungskurs verschärft. Die Fischereipolitik nutzt eher den Europäern als den einheimischen Fischern, die Gesundheitsversorgung ist schlecht, die Bildungspolitik treibt Lehrer und Studierende immer wieder auf die Straße. Sall stellt sich diesen Problemen immerhin. Vor der zweiten Runde hat er nicht nur erneut viele Städte besucht, gemeinsam mit seinem prominentesten Unterstützer, dem Sänger Youssou N’Dour, war er auch in Frankreich, um sich die Unterstützung der Exilanten zu sichern, und folgte Einladungen verschiedener Berufsgruppen. Am Dienstag traf er sich mit Ärzteorganisationen, Gewerkschaftern und Vertretern der Pharmaindustrie, um über die Stabilisierung des Gesundheitssystems zu debattieren. Auch in den Bildungsstreik könnte Bewegung kommen. Seit Wochen werden Schulen und Universitäten bestreikt, nun hat die Lehrerorganisation angekündigt, die Verhandlungen im Falle eines Wahlsieges von Sall wieder aufzunehmen.

Am Mittwoch trafen Wahlbeobachter der Afrikanischen Union (AU) und der westafrikanischen Gemeinschaft ECOWAS in Dakar ein. Sie haben angekündigt, alle 14 Regionen des Landes aufsuchen zu wollen. Seit Donnerstag ist auch Nigerias Altpräsident Olusegun Obasanjo wieder im Land. Er hatte nach dem ersten Wahlgang für Aufsehen gesorgt, als er in Richtung Wade sagte, man müsse wissen, wann man abzutreten hat. Obasanjo hat sich als Vermittler angeboten, sollte einer der Kandidaten das Wahlergebnis nicht anerkennen.

Ob es dazu kommt, ist offen. In den Tagen vor der Wahl hat sich die Situation in vielen Städten zugespitzt. In St. Louis und Kébèmer im Norden Senegals wurde Salls Wahlkampfteam mit Steinen angegriffen, Oppositionspolitiker behaupten, Wade habe Söldner aus dem Ausland einfliegen lassen und bewaffne seine Anhänger. Zwar scheinen seine Tage als Präsident gezählt, doch könnte er sein Land noch in Unruhe stürzen.

Schreibe einen Kommentar