Die Tür knallt zu (Der Freitag)

 

Der Artikel erschien am 10.10.2013 in der Wochenzeitung Der Freitag.

 

Im ersten Jahr der NS-Diktatur entstehen in Berlin „wilde Konzentrationslager“, auch im Gefängnis Columbiastraße. Ein Ort, der heute aus dem Gedächtnis verschwunden ist.

Im Juni 1927 landet die Columbia auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. An Bord der Pilot Clarence Chamberlin und Charles Albert Levine, Eigentümer der Maschine. Die beiden kommen aus Übersee und haben zwei wenig glückliche Zwischenlandungen hinter sich. Bei Cottbus fabrizierten sie einen Kopfstand, bei dem der Propeller geborsten war. Umgehend repariert, flog die Columbia flankiert von deutschen Sportflugzeugen nach Berlin. Es gab einen begeisterten Empfang – man durfte den Abschluss des ersten Nonstop-Passagierflugs von New York nach Deutschland erleben.

 

Sechs Jahre später: Der Name Columbia steht in der Reichshauptstadt kaum mehr für diese abenteuerliche Pioniertat, sondern für eine berüchtigte Folterstätte im ersten Jahr der NS-Diktatur. Bald nach dem 30. Januar 1933 wird das leer stehende Militärgefängnis in der Columbiastraße (heute Columbiadamm) als „wildes Konzentrationslager“ genutzt, um dort politische Gegner zu internieren und mundtot zu machen: Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten, Gewerkschafter und Intellektuelle werden in Massenzellen am nördlichen Rand des Tempelhofer Feldes deportiert.

 

Einer der ersten Häftlinge war seinerzeit der 22-jährige Wolfgang Szepansky, von Beruf Maler und aktiv im Kommunistischen Jugendverband. In der Nacht zum 11. August 1933 habe ihr Vater auf dem Kreuzberg an eine Mauer der Schultheiß-Brauerei geschrieben: „Nieder mit Hitler! KPD lebt! Rot Front!“, erinnert sich Regina Szepansky heute an spätere Erzählungen ihrer Eltern. Wolfgang Szepansky habe Eva und Werner Schellenberg, die aufpassen sollten, ob jemand kommt, den Pinsel zugesteckt, bevor er mit dem Rad den Kreuzberg herunterfuhr. Er glaubte, sicher entkommen zu sein, als sich am Ende der Straße die Tür einer Kneipe öffnete und SA-Männer herauskamen. „Die haben ihn festgehalten, konnten ihm aber nichts nachweisen“, erzählt Regina Szepansky. Dennoch wurde ihr Vater zum Gestapo-Verhör in die Prinz-Albrecht-Straße gebracht, dort geschlagen, getreten und später mit anderen Häftlingen auf einem Lastwagen zum Columbia-Haus transportiert.

 

Hier bleiben ihm Misshandlungen erspart. Seine Arbeitskraft ist gefragt. Bis zu seiner Haftentlassung im Spätherbst 1933 holt ihn ein SA-Mann Tag für Tag aus der Zelle. Fenster und Türen des jahrelang leer stehenden Gebäudes müssen gestrichen werden. Szepansky hört, wie die Gefangenen-Kapelle aufspielt und stets das gleiche Lied intoniert: „Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt.“ Es übertönt die Schreie der Gefolterten. Passanten auf der Columbiastraße sollen nicht merken, was im ehemaligen Militärarrest geschieht.

 

Wie gefangene Insassen im Columbia-Haus gequält werden, zeigt der Fall des Schriftstellers Kurt Hiller. Der den Nazis verhasste Autor ist nicht nur homosexuell, sondern stammt auch noch aus einer jüdischen Familie. „Vor mir steht ein riesiger Sportskerl, Promenadenmischung, höhnischer Blick (…). Er lacht mich an: ‚Solche weeche Neese, die lieb ich besonders‘ – und schon habe ich vier, fünf Fausthiebe im Gesicht, mit voller Kraft aus nächster Nähe, dass mir schummrig wird und das Blut aus der Nase schießt. Dann werde ich mit Tritten in eine Zelle gejagt. Ich falle blutbesudelt auf den Strohsack. Die Tür knallt zu.“ Nach 15 Wochen „Schutzhaft“ wird Hiller entlassen, flieht nach Prag und beschreibt im Exilblatt Neue Weltbühne, wie er im Columbia-Haus gelitten hat.

 

Dieser Arrest sei damals „ein Ort völliger Rechtlosigkeit“ gewesen, schreiben die beiden Historiker Kurt Schilde und Johannes Tuchel, denen die erste umfassende Studie zu diesem Thema zu verdanken ist. Allein zwischen Herbst 1933 und Winter 1934 sterben in der Reichshauptstadt mehr als 300 Häftlinge an den Torturen in solchen Internierungslagern. Auch Michael Kirzmierczik aus Leipzig. Er erliegt der Folter zwei Tage nach seiner Verhaftung. Die SS gibt seinen Tod kurzerhand als Selbstmord aus, wie seine Frau Anne Kirzmierczik später in der ebenfalls im Exil erscheinenden Arbeiter Illustrierten Zeitung berichtet: „Am 25. November 1933, abends um sechs Uhr, erhielt ich vom Polizeipräsidium den Bescheid, mein Mann habe sich durch Erhängen das Leben genommen. Am 26. November fuhr ich nach Berlin. Im Leichenschauhaus, Hannoversche Straße 6, wurde mir mein Mann gezeigt. Er lag nackt auf einer Bahre, überall geschwollen. Um den Hals war ein Strick gelegt, damit man einen klaffenden Spalt nicht sehen sollte, der ungefähr zwei Zentimeter breit war. Ein Auge war ausgeschlagen, die halbe Nase fehlte. Das linke Ohr war zur Hälfte abgerissen (…), die Fingernägel blutunterlaufen. Die Fingerspitzen zerstochen. Am Kopf mehrere Stiche.“

 

Ab Dezember 1934 wird bei der Gestapo offiziell vom „KL Columbia“ gesprochen und das einzige Lager direkt in Berlin gemeint, das durch die Ende 1934 gebildete Inspektion der Konzentrationslager (IKL) unter SS-Führer Theodor Eicke verwaltet wird. Für die Häftlinge scheint sich dadurch nur wenig zu ändern. Für spätere KZ-Kommandanten allerdings wird das „KL Columbia“ zu einer wichtigen Station ihrer terroristischen Karriere. Tuchel und Schilde schreiben: „Wer sich hier im nationalsozialistischen Sinne ‚bewährte‘, konnte einer Karriere in der perversen Welt der Konzentrationslager sicher sein.“

 

Genau lässt sich das nicht mehr rekonstruieren, aber etwa 8.000 politische Gefangene des Regimes durchlaufen zwischen 1933 und 1936 das KZ an der Columbiastraße: Leo Baeck, Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, der KPD-Vorsitzende Ernst Tälmann, der Sozialdemokrat Ernst Heilmann, der Kabarettist Werner Finck, der Ringer Werner Seelenbinder. Nachdem das NS-Regime den Paragrafen 175 für „schwere Unzucht zwischen Männern“ im Sommer 1935 verschärft hat, sitzen auch immer mehr Homosexuelle ein.

 

Am 5. November 1936 wird das KZ aufgelöst, das Gebäude abgerissen, denn ab jetzt hat der Ausbau des neuen Megaprojekts Flughafen Tempelhof Priorität. Die Häftlinge werden größtenteils in einen Internierungsort bei Oranienburg nördlich von Berlin verlegt. Sie müssen das dortige Lager Sachsenhausen selbst errichten – unter „Bächen von Schweiß und Strömen von Blut“, wie ein Häftling nach 1945 berichtet. Wolfgang Szepansky gelingt es, nach seiner Haftzeit im Columbia-Haus in die Niederlande zu fliehen. Als die im Mai 1940 durch die Wehrmacht besetzt werden, gerät er erneut in die Hände der Gestapo und kommt nun ebenfalls ins Lager Sachsenhausen. Er überlebt den Todesmarsch im Frühjahr 1945. In seiner Autobiografie hat Szepansky vermerkt, anfangs sei es ihm nicht möglich gewesen, über die Schrecken seiner Verfolgung zu sprechen. Das änderte sich mit den Jahren: „Ich begann zu begreifen, wie wichtig die Kenntnis dessen, was ich erzählte, für nachfolgende Generationen ist.“ So führte er seit Ende der siebziger Jahre fast 40.000 Jugendliche über das Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen und zählte zu denjenigen, die bei Stadtrundfahrten durch Berlin-Tempelhof an das „wilde KZ“ in der ehemaligen Columbiastraße erinnerten. Das letzte Mal 2007 – im Alter von 97 Jahren.

 

Kurz nach Szepanskys Tod wurde der Flughafen Berlin-Tempelhof im Oktober 2008 geschlossen. Das Columbia-Haus war längst aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt verschwunden. Narrative über Pioniertaten der Berliner Luftfahrtgeschichte oder die Luftbrücke hatten die Erinnerung daran verdrängt, was in Tempelhof in den ersten Jahren des NS-Regimes geschah. Vor dreieinhalb Jahren ist das stillgelegte Flugfeld zum Park umfunktioniert worden, während das Flughafengebäude als Event-Location unter dem Label „Tempelhofer Freiheit“ vermarktet wird. Für Regina Szepansky ein „absoluter Fehlgriff, der an Zynismus grenzt, wenn man sich so lange nicht darum gekümmert hat, was noch zur Geschichte dieses Ortes gehört“.

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