Das versteckte Erbe des Kolonialismus

Einst Experimentierfeld für fragwürdige Menschenversuche, ist die Disziplin auch heute noch immer europäisch geprägt

Vor ungefähr hundert Jahren wütete zunächst in West-, später in Ostafrika eine Schlafkrankheitsepidemie, die Hunderttausende von Toten forderte. Die Infizierten boten der Tropenmedizin, einer damals noch neuen wissenschaftlichen Disziplin, ein willkommenes Experimentierfeld. An der „Therapie“ dieser noch immer bedrohlichen Krankheit lässt sich auch das Verhältnis der westlichen Medizin zu den ihr bis heute fremden Patienten ablesen.

Die Entstehung der Tropenmedizin ist untrennbar mit der Hochzeit des Kolonialismus Ende des 19. Jahrhunderts verbunden. Mögen die persönlichen Motive der Ärzte und Forscher, die sich im Auftrag der Kolonialmächte in die todbringenden Tropen aufmachten, auch unterschiedlich gewesen sein, so befand sich in ihrem Reisegepäck doch eine gehörige Dosis westlicher Arroganz, die bis heute fortwirkt. Die Kolonialärzte kamen mit der Vorstellung, den Einheimischen erstmals medizinische Hilfe zu bringen und nahmen deren über Jahrhunderte hinweg überlieferte traditionelle Medizin und Pflanzenheilkunde überhaupt nicht wahr. Das hat sich heute zwar geändert, doch generell gelten Heilpraktiken vielen Schulmedizinern auch heute noch als Störfaktoren in der ärztlichen Praxis.

Mit Gift gegen die fremden Erreger
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich in der Medizin die Bakteriologie gegen die bis dahin vorherrschende „Miasmalehre“ durch. Letztere, vertreten von Max Pettenkofer, besagte, dass für die Entstehung von Seuchen die Umgebung, in erster Linie giftige Dämpfe aus dem Boden, verantwortlich sind. Die Bakteriologie konzentrierte sich hingegen auf die Krankheitserreger und wurde – vor allem nach der Entdeckung des Tuberkuloseerregers durch Robert Koch – zum neuen Paradigma erhoben. Mit der Bakteriologie begann eine neue Phase der Verwissenschaftlichung der Medizin, die auf strenge Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge hinauslief, während das allgemeine Umfeld kaum noch Beachtung fand. Diese neue Leitidee begleitete die Mediziner auch nach Afrika und in den Südpazifik, wo sie Jagd auf mikroskopisch kleine Trophäen, die Krankheitserreger, machten. Mit dem auf Bakterien verengten Blick konnte ihnen das traditionelle Verständnis der einheimischen Bevölkerung von Krankheit und Unglück nur irrational erscheinen. Dem monokausalen ärztlichem Denken stand eine Heilpraxis gegenüber, die keinen Unterschied zwischen Medizin und Religion machte.

1906 schlug die deutsche Schlafkrankheitsexpedition unter Leitung von Robert Koch auf den Inseln des Viktoriasees ihre Zelte auf. Nach Angaben der dort tätigen Missionare war die Bevölkerung der Inseln innerhalb von vier Jahren von 30.000 auf 18.000 Personen geschrumpft. Obwohl Koch den Ansteckungszyklus nicht genau nachweisen konnte, behandelte er die Patienten mit dem arsenhaltigen Medikament Atoxyl. Der zunächst schnelle Erfolg schien die Patienten zu überzeugen, denn zeitweise kamen bis zu 1.000 Patienten in das Lager. Zu einer längerfristigen Behandlung, mit dem Ziel, die Erreger im Körper abzutöten, konnten die Ärzte ihre Patienten jedoch nicht überreden. Die Wirkweise des Medikaments war vor dem Hintergrund des völlig anderen Krankheitsverständnisses einfach nicht vermittelbar, außerdem hat bei der Massenbehandlung zwischen Arzt und Patienten wohl auch kein persönliches Gespräch stattgefunden. Die Patienten empfanden sich, nachdem die Symptome verschwunden waren, als geheilt und kehrten in ihre Heimatdörfer zurück.

Die Behandlung mit Atoxyl dürfte schon damals als fragwürdig gegolten haben, führte sie doch zu starker Vergiftung, Erblindung und in manchen Fällen zum Tod. Koch mussten die Wirkungen dieses eigentlich gegen die Syphilis entwickelten Medikaments bekannt gewesen sein, denn es wurde in Deutschland aufgrund seiner starken toxischen Wirkung nur selten eingesetzt. Trotzdem experimentierte er bei seinen Patienten am Viktoriasee mit erhöhten Dosen. In Togo nahm die „Behandlung“ der Schlafkrankheit weit unmenschlichere Züge an. Mutmaßlich Infizierte wurden interniert und einer Zwangsbehandlung mit Atoxyl und später mit einem noch giftigeren Medikamentencocktail unterzogen. Um die Infizierten aufzuspüren, wurde Polizei eingesetzt, Belohnungen für ihre Auslieferung ausgeschrieben und andernfalls Strafen verhängt. In den Schlafkrankheitslagern starb ein großer Teil der „Patienten“ an den ärmlichen äußeren Bedingungen, andere erlagen der Krankheit oder der Medikation. In vielen Fällen führte die Arsenvergiftung zur Erblindung.

Die in den Kolonien begonnenen Menschenversuche erfuhren im Nationalsozialismus schließlich eine grausame Kontinuität. Aus Mangel an tropischen Versuchsfeldern infizierte etwa der Tropenmediziner Claus Schilling Insassen des Konzentrationslagers Dachau mit Malaria. Seine Versuche forderten 300-400 Todesopfer.

Möglich, dass es sich hier um die schlimmsten Auswüchse der von vielen Seiten auch heute noch als aufopferungsvoll dargestellten Tropenmedizin handelte. Gemeinsam ist ihnen die Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung durch Ärzte, die nach wissenschaftlicher Anerkennung strebten und im nationalen Wettstreit gegeneinander arbeiteten. Die Tätigkeit der Kolonialärzte war auch insofern ambivalent, als dass sie im Auftrag ihrer Regierungen handelten, die aus den besetzten Gebieten den größtmöglichen Nutzen ziehen wollten. Nach der Jahrhundertwende berichteten Ärzte und Missionare von einem besorgniserregenden Bevölkerungsrückgang in den Kolonien. Empirische Beweise gab es dafür nicht, doch man bangte um die einheimischen Arbeitskräfte.

1913 schrieb der Hamburger Großreeder Eduard Woermann daher einen mit 6.000 Mark dotierten Wissenschaftspreis aus, unter dem Titel: „Durch welche praktischen Maßnahmen ist in unseren Kolonien eine Steigerung der Geburtenhäufigkeit und Herabsetzung der Kindersterblichkeit bei der eingeborenen Bevölkerung – dem wirtschaftlich wertvollsten Aktivum unserer Kolonien – zu erreichen?“ Die Gewinnerarbeit zeigte eine für die damalige Zeit fortschrittliche Perspektive auf, indem Krankheit und die durch die Kolonialmacht forcierten gesellschaftlichen Umbrüche in einen Zusammenhang gestellt werden. Ursachen für die hohe Säuglingssterblichkeit sah der in Ostafrika tätige Arzt Carl Hameier beispielsweise in der Arbeitsüberlastung und im schlechten Gesundheitszustand von Frauen, deren Männer auf den Plantagen arbeiteten und sich mit den dort grassierenden Krankheiten wie Malaria und Syphilis infizierten.

Vernachlässigte Krankheiten
Auf welche Weise die medizinische Unterversorgung der meisten tropischen Länder auch heute noch auf wirtschaftliche Interessen zurückgeht, lässt sich am Beispiel der Schlafkrankheit weiterverfolgen. 1916 entwickelte die Firma Bayer ein im Vergleich zu Atoxyl harmloses Medikament, Germanin bzw. Suranim. Die Kolonialmächte England und Frankreich setzten nun ebenfalls das Militär ein, um die Droge in den Risikogebieten zu verabreichen, ohne allerdings die Bevölkerung über die Krankheit aufzuklären. So ist es kaum verwunderlich, dass mit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten die Schlafkrankheit zurückkehrte und heute als eine jener „vernachlässigten Krankheiten“ gilt, die ausschließlich in den ärmsten Regionen der Welt auftreten. Der Pharmaindustrie fehlt der Anreiz, in die Erforschung dieser Krankheiten zu investieren, weil sie die Medikamente anschließend nur zu einem sehr niedrigen Preis absetzen könnte. Neben Suranim, das sich nur im frühen Krankheitsstadium einsetzen lässt, wurden gegen die Schlafkrankheit weitere in den fünfziger Jahren entwickelte arsenhaltige Präparate verwendet. Das verträglichere Eflornithin wurde 1995 vom Markt genommen und tauchte erst wieder auf, als es für eine in den USA verkaufte Enthaarungscreme verwendet wurde. Seit 2001 ist die Versorgung mit Eflornithin aufgrund einer Spendenkampagne gesichert. „Ärzte ohne Grenzen“ sehen aber auch in dieser Therapieform keine wirkliche Lösung, da sie eine längere stationäre Behandlung und geschultes Personal erfordert, das in den betroffenen Ländern nicht ausreichend zur Verfügung steht.

Um langfristige Heilerfolge zu erzielen, die nicht von westlichem Gesundheitspersonal abhängig sind, ist ein Umdenken zwingend notwendig. So wurden vom Deutschen Entwicklungsdienst etwa Projekte zur Kooperation mit traditionellen Heilern im Kampf gegen AIDS initiiert. Dies sind jedoch Ausnahmefälle, wie Hansjörg Dilger, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Medical Anthropology berichtet. Generell bestünden die traditionelle Medizin von Heilern und Hebammen und die westlich geprägten Krankenhäuser weiterhin als parallele Systeme fort. Vor einem Jahr kritisierte die medizinische Fachzeitschrift Lancet die Bevormundung der Medizinsysteme in Entwicklungsländern durch westliche Wissenschaftler. Es fehle noch immer die Bereitschaft, lokale Stimmen einzubeziehen. Die von ökonomischen Interessen geprägte Politik des Helfens und vor allem des Unterlassens wird in dem Artikel harsch angegriffen: „Die verarmte Mehrheit der Weltbevölkerung wird zur Seite geschoben, manchmal geduldet durch eine Medizin, die es bevorzugt wegzusehen.“

Auch in der Tropenmedizin, die sich längst weniger mit klimaspezifischen Krankheiten als mit Krankheiten der Armut befasst, ist ein radikales Umdenken erforderlich. Zum einen auf Seiten der Pharmaindustrie, die den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten für große Teile der Weltbevölkerung weiterhin versperrt, indem sie durch Patente die Produktion von billigen Generika unterbindet. Gerade die Medikamentenversorgung war in den letzten Jahren Ziel zahlreicher Spendenaktionen und Public-Private-Partnerships. Zum anderen bedarf es der Kooperation mit dem medizinischen Personal vor Ort, auch mit dem nicht schulmedizinisch ausgebildeten. Die Ärzte seien daran oft sehr interessiert, betont Hansjörg Dilger. Vielmehr seien es die Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit, die das einheimische Medizinverständnis ignorierten.

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