Gutes Benehmen will gelernt sein

Eine pensionierte Lehrerin aus Berlin widmet sich dem richtigen Benimm

In England ist der Dandy wieder in. Immer mehr Privatschulen haben das gute Benehmen für ihre Zöglinge auf dem Stundenplan. Anderen Schülern – an den öffentlichen Schulen – fehlt es dagegen an richtigem Benehmen. Das ist zwar pauschal so nicht richtig, in Berlin will eine pensionierte Lehrerin dennoch Schülern den „Knigge“ beibringen. Denn – nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir.

Dr. Sonja Hoy hat ihre Erfahrungen mit schlechtem Benehmen gemacht. „Als erstes ist es mir 1986 aufgefallen, als ich bei einem Schüleraustausch in Colorado, in den USA, die dortigen Schüler und Lehrer im Unterricht beobachtet habe: Füße auf den Tischen, schlafend oder Zeitung lesend“, erklärt sie ihre Motivation. Wehret den Anfängen – auch hier. „Die katastrophalen Ereignisse an US-amerikanischen Schulen und die in Erfurt und Hildesheim erinnern mich immer wieder daran, auch wenn sie über das Thema ›Schule und Benimm‹ hinausgehen.“

Während Michael Moore in „Bowling for Columbine“ die Waffenlobby ins Visier nimmt, geht es der ehemaligen Lehrerin um die kleinen Dinge des Lebens: „Handys in der Schule, freche Äußerungen, Graffiti und unhöfliches Verhalten. Ich dachte mir, man müsse mit den kleinen Themen anfangen und auf Möglichkeiten des Benimms hinweisen, die das Leben angenehmer machen.“

Wir treffen uns im Hotel Abacus am Berliner Tierpark. Mit sanfter, aber deutlicher Stimme weist sie mir meinen Platz zu. Meine Rolle als Beobachterin kann ich mir gleich abschminken, erfahre ich von ihr, und so lerne ich mit zehn ihrer ehemaligen Schüler, wie die Serviette richtig gefaltet wird, wie ich eine Forelle esse, ohne mich zu blamieren und was der Unterschied zwischen englischem und französischem Service ist. Mit dabei ist auch Carmen-Maja Antoni vom Berliner Ensemble. Denn nicht nur die Anwesenden sollen von dem Kurs profitieren. Es entsteht eine Fotoserie für Schulen zum guten und schlechten Benehmen. „Jede kleine Szene ist möglichst mit einem Schuss Humor versehen, damit man beim Betrachten nicht das Interesse verliert“, erklärt Sonja Hoy. Und damit auch klar wird, was nicht erlaubt ist, macht die Berliner Schauspielerin es für die Kamera vor.

Höflich, zurückhaltend, fein

„Zieren ist für die Provinz“, eröffnet sie entschieden und stopft sich genüsslich das in Spargelsuppe getunkte Brot in den Schlund. Holzhammertechnik nennt das Frau Dr. Hoy. „Am Anfang habe ich den Fehler gemacht und nur kleine Unterschiede eingebaut. Das reicht aber für Fotos nicht.“ Ihren feinen Humor und ihre höfliche Zurückhaltung in Fotos umzusetzen, ist also auch für sie selbst nicht einfach.

Währenddessen geht Sonja Hoy umher, fotografiert und inszeniert zu jedem neuen Gang mit sichtlichem Spaß immer neue unpassende Situationen. Die meisten hat sie sich vorher in einem Drehbuch überlegt. So darf das Gespräch mit dem Handy während des Essens nicht fehlen wie auch das Schminken am Tisch. Wie verpönt solches Verhalten für die Dame und den Herrn von Welt ist, zeigt die sich steigernde Begeisterung für noch schlechteres Benehmen. Natürlich nicht ausufernd, die Grenzen sind da eng gesteckt. „Nein, ich glaube, von jemandem, der aus einem Suppenteller schlürft, brauchen wir kein Foto, das macht doch nun wirklich niemand“, ermahnt Sonja Hoy – ganz Lehrerin – die begeisterte Schauspielerin.

Ihr Benimm-Projekt finanziert die Lehrerin allein, manchmal bekommt sie Spenden. Ideelle Unterstützung kommt von einem ehemaligen Kollegen und einem Schüler, der sie in der Bildbearbeitung unterrichtet. Kamera, Computer zur Fotobearbeitung, Entwicklung, eventuelle Raummieten und die heutigen Essen übernimmt sie aus ihrem Ersparten. „Wenn man Rentner ist, muss man sich davor hüten, am Kochtopf zu versauern oder im Garten den Horizont einer Ameise anzunehmen.“ Und so bringt sie dieses Projekt auch mit vielen Menschen zusammen. „Es gibt noch Hoffnung bei dem Thema „Benimm“, sagt sie und lächelt.

„Wie verhalte ich mich bloß richtig?“

Bei den heute anwesenden Schülern ist diese Hoffnung gut aufgehoben. Die Abiturienten des Max-Planck-Gymnasiums, an dem Sonja Hoy die letzten zehn Jahre ihres Berufslebens verbracht hat, mögen ihre ehemalige Lehrerin. Das gilt auch umgekehrt. Sonja Hoy hatte sich 1992 von Reinickendorf an ein Gymnasium im Ostteil der Stadt versetzen lassen. „Ich habe die besten Erfahrungen mit Top-Schülern gemacht, von denen die meisten zur geistigen Elite gehörten.“ Die freut sich über den Knigge-Abend. Die Schüler, allesamt in gesitteter Abendgarderobe, fragen interessiert nach dem einen oder anderen Detail. „Darf ich mir am Tisch die Nase putzen?“ oder „Wo lege ich die Serviette hin, wenn ich aufstehe?“.

Es hat sich bei ihnen herumgesprochen, dass Unternehmen nach Vorstellungsgesprächen immer öfter „unverbindlich“ zum Essen einladen und dabei die sozialen Kompetenzen wie Smalltalk und gutes Benehmen der Kandidaten prüfen. Wehe, einer weiß in dieser Situation nicht, wie er richtig mit der Forelle auf seinem Teller umgehen soll. „Wenn Sie es nicht können, bitten Sie einfach den Kellner“, rät Markus Funke, der Leiter des Restaurants. „Aber machen Sie es um Himmelswillen nicht selbst.“

Zum Schluss bekommen alle ein persönliches Zertifikat. In dem „Kurz-Knigge“ sind noch mal alle wesentlichen Dinge zusammengefasst. So erfahre ich erleichtert, dass heute „eine Frau dem Ober durchaus selber sagen kann, welches Menü sie wünscht. Das gilt auch für die Auswahl des richtigen Weines“. Dennoch, alle anwesenden jungen Männer holten sich vom Restaurantleiter gleich zu Beginn einen Rüffel: „Wie gut, dass Sie schon alle sitzen, während die Damen sich noch einen Platz suchen.“ Sprach’s mit einem Lächeln und führte den jungen Männern vor, wie man einer Dame aus der Jacke hilft.

Schreibe einen Kommentar