Zehn kleine Zombielein (Telepolis 08/07)

12.08.2007

Ein Videospieltrailer sorgt für eine aufgeregte Diskussion über Rassismus

So mancher empfand den Trailer für das Spiel Resident Evil 5, das nächstes Jahr erscheinen soll, unverhohlen rassistisch: Ein weißer Mann tötet in einer offenbar in Afrika liegenden Stadt eine große Menge von Schwarzen, die wohl von einem Virus befallen deswegen zu Zombies mutieren. In zahllosen Kommentaren auf Spieleblogs wird der Rassismusvorwurf vehement abgestritten.

„Was soll das hier, es macht doch alles keinen Sinn“, sagt die durchtrainierte Heldenfigur weißer Hautfarbe zu Beginn des kurzen Films. Die Kameraeinstellung zeigt ihn, wie er in einer menschenleeren Gasse steht, in irgendeinem heißen und staubigen Ort. Bald wechselt die Perspektive und zeigt den tatsächlichen Spieleablauf, das Gameplay, wie der Spieler es dann steuern wird, wenn Resident Evil 5 nächstes Jahr erschienen ist: Mit Tritten und Schüssen muss er sich zahlreichen schwarzen Menschen erwehren, die auf ihn einstürmen, und töten. Das Ganze wird in prächtiger detailreicher Grafik gezeigt, wie sie die „Next-Gen“ Konsolen von Sony und Microsoft darstellen können.

Unlängst berichteten prominente englischsprachige Gameblogs wie GamePolitics oder Kokatu über die Rassismusvorwürfe gegenüber Resident Evil 5 (RE5), die auf der von afrikanischstämmigen Frauen aus den USA betriebenen Website BlackLooks erhoben wurden. Die Autorin Kym Platt kritisierte, dass die Trailerbilder Schwarze als „unmenschliche Wilde“ darstelle und es ein weißer Mann in Militärkleidung sei, der sie reihenweise tötete. Einige Tage später berichtete Platt in einem Beitrag auf ihrem eigenen Blog, dass sie in etlichen Kommentaren und Mails aufgrund ihres ersten Textes rassistisch beschimpft worden sei. Angreifbar machte sich die Autorin, da sie wenig recherchiert hat und sich auch Polemik nicht verkneifen kann: Fälschlicherweise behauptet sie, RE5 würde explizit für Kinder und Jugendliche entwickelt – und fragt, ob solche Spiele nicht direkt zu Amokläufen in Schulen wie Columbine führen müssten.

Die rund zehn Jahre alte Spieleserie Resident Evil gehört zum Genre des „Survival Horror“ und ist so populär, dass aus ihr auch schon zwei Kinofilme entsprangen. Es geht um einen „bösen“ Konzern, der an einem Virus forschen lässt, der nach einer Infektion den Menschen in einen Zombie verwandelt. Diese Mutanten wollen wiederum andere Menschen infizieren. Um dies zu verhindern, musste der Spieler bislang als Einzelkämpfer in nordamerikanischen und europäischen Szenarien handeln. Im neusten Teil der Reihe geht es also offenbar nach Afrika.

In den diversen Beiträgen über den Rassismusvorwurf gegen RE5 wurde spekuliert, warum der japanische Spielhersteller Capcom auf so ein problematisches Szenario setzt. Die Firma selbst hat bislang, auch auf Anfrage, keine Stellung dazu genommen. Afrika sei eine unverbrauchte Kulisse, meinen die einen. Damit läge das Spiel im Trend – die kurzen Szenen in besagtem Trailer knüpfen an Filme aus der jüngsten Zeit an – Streifen wie „Lord of War“ und „Blood Diamond“, die einen von Bürgerkriegen und wirtschaftlicher Ausbeutung zerstörten Kontinent zeigen: „Heart of Darkness meets Playstation“ kommentiert Village Voice in Anspielung auf den bedrückenden Roman von Joseph Conrad, der zur Kolonialzeit im damaligen belgischen Kongo spielt. Da RE5 von mit Viren infizierten Menschen handelt, drängt sich im afrikanischen Kontext eine Assoziation zu HIV/Aids geradezu auf. Das Horrorgenre spielt mit den Ängsten der Menschen- insofern ist es nur konsequent das RE5 auch noch das Register der „Angst vor dem schwarzen Mann“ zieht.

Andernorts wiederum wird darüber sinniert, dass Capcom, wenn es an die Wurzeln der Zombie-Idee gehen möchte, sich eben Afrika zuwenden müsste, da sie ihren Ursprung im Voodoo-Kult habe. Wieder andere spekulieren, dass den Japanern einfach nicht bewusst gewesen sei, dass sie mit so einem Szenario Aufruhr erzeugen könnten, da der Rassismus gegen Schwarze im ostasiatischen Staat im Alltag keine Rolle spiele. Ein recht schwaches Argument, da ein Spielhersteller, der für den internationalen Markt produziert, auch in Japan von Sklaverei, Kolonialismus und Apartheid Kenntnis haben dürfte.

Die Vorwürfe gegen das sehnlich erwartete Computerspiel scheinen jedenfalls ein empfindlichen Nerv bei vielen Gamern getroffen zu haben: Hunderte Kommentare finden sich unter den Beiträgen auf den genannten Seiten. Und die meisten von ihnen lehnen ab, auch nur anzuerkennen, dass jemand die im Trailer gezeigten Bilder als rassistisch empfinden könnte.

Der Grundtenor ist vielmehr: Nach der Killerspieledebatte jetzt bitte nicht noch so etwas. Doch die Ablehnung wird zum Großteil hanebüchen begründet. So finden sich Argumente, dass derjenige, der behauptet, etwas sei rassistisch, selber rassistisch sei, weil er ja die Existenz von Rassen anerkenne. Andere verweisen darauf, dass man im vorherigen Teil die ganze Zeit weiße Spanier haben töten müssen, was ja sehr rassistisch gegenüber den Spaniern/Weißen sei – doch darüber würde sich niemand beschweren. Und letztlich sei das Ganze doch nur ein Horrorspiel und es ginge eben um Zombies in Afrika, die dort zwangsläufig schwarz seien.

Durch die Bank wird in solcherlei Kommentaren ignoriert, dass Menschen rassistisch handeln und denken sowie manche gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen rassistisch funktionieren. In der Regel litten und leiden unter solcherlei Handlungen und Strukturen Menschen mit einer anderen Hautfarbe als der weißen. Ein Werk, das – gewollt oder nicht – die Stereotypen von Rassisten bedient, muss auch als dieses bezeichnet werden.

Bleibt zu hoffen, dass diese Diskussion der gesamten Debatte über den Gehalt von Videospielen nützt. Denn dem Medium wäre zu wünschen, dass die oft uninspirierten und martialischen Spielhandlungen mehr und mehr hinterfragt werden. Dann wird dem Publikum seitens der Hersteller hoffentlich mehr anspruchsvollere Kost geboten.

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