Später tanzt sie einen Walzer

Mit ihrem jüngsten Arbeitskollektiv hat die Kommune Niederkaufungen Neuland betreten. In der Tagespflege geht es um die Förderung demenziell erkrankter Menschen. Ein Besuch.

Bevor Frau Koch* um acht Uhr morgens ins Auto ihrer Tochter steigt, holt sie drei Goldringe aus ihrem Schmuckkästchen, dazu eine feingliedrige Armbanduhr und eine Halskette. Grauer Strick-Pullover, Rock und Schuhe: alles Ton in Ton. Frau Koch ist 79 Jahre alt und heute hat sie ihren ersten Probetag. Dreißig Minuten später sitzt sie zusammen mit elf anderen demenzkranken SeniorInnen am Frühstückstisch im Gemeinschaftsraum der Tagespflege Lossetal. Wortlos studiert sie die Namen auf den Kärtchen ihrer Tischnachbarn. Frau Metternich ihr gegenüber scheint eingeschlafen zu sein. Herr Ranz rechts von ihr freut sich über seinen Kaffee und summt die Melodie eines bekannten Volksliedes. Und Frau Kuhmann auf der linken Seite, die früher Bäuerin war, nimmt auch heute kein Blatt vor den Mund: »Metternich, mach die Augen auf!«, ruft sie über den Tisch. Langsam, lustlos öffnet die 76-Jährige ihre Augen. Der Blick geht ins Leere, in eine Welt, die nur sie kennt. Frau Koch schweigt und trinkt Kaffee.

Keine Klienten, sondern Gäste

Ein junger Mann, der die Damen und Herren um Längen überragt, setzt sich an den Tisch. Thorsten Köster, 44, Ergotherapeut, war heute morgen schon als Busfahrer unterwegs. Er hat Frau Metternich und Herrn Ranz von zu Hause abgeholt. Sie sind hier nicht Klienten oder Kunden wie in vielen anderen Pflegeeinrichtungen, sondern Gäste. Thorsten Köster und seine KollegInnen wollen keine Hierarchie, keine Fassade. Sie wollen die Würde von Menschen bewahren, die ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können. Ihnen eine sichere Struktur geben, wo die Orientierung verloren gegangen ist – und ihre Wirklichkeit ernst nehmen. Ein hohes Ziel. Thorsten Köster schmiert Marmelade auf Frau Metternichs Graubrot. Regung kommt in ihr Gesicht. Er führt das Brot an ihren schmalen Mund, sie öffnet langsam die Lippen und beißt ab, winselnd. Nach diesem allerersten Biss kann sie alleine weiter essen. Ein blaues Lätzchen, das hier Schürze heißt, fängt die Brotkrümel auf. Frau Metternich hat frontotemporale Demenz, eine persönlichkeitsverändernde seltene Demenzerkrankung, bei der nach und nach auch die Sprache verloren geht. »Von sich aus vollzieht Frau Metternich keine Handlungen mehr«, erklärt Thorsten Köster später. »Über Jahre eingeübte Tätigkeiten wie Essen und Trinken funktionieren aber durch Wiederholung.« Wäre Frau Metternich in einem der vielen unterbesetzten deutschen Pflegeheime, würde sie wohl über eine Magensonde ernährt werden. Ist sie aber nicht.

Es tut sich etwas

Die Tagespflege Lossetal im hessischen Niederkaufungen ist eine der wenigen Tageseinrichtungen hierzulande, die sich ausschließlich an demenziell Erkrankte richtet. Wer hier einen Platz bekommen will, braucht Angehörige, die abends da sind und sich kümmern. Eine Unterbringung im Heim kann dadurch verzögert und bei einigen sogar ganz vermieden werden. In vielen Einrichtungen sind Demenzkranke zusammen mit anderen SeniorInnen untergebracht – und kommen oft zu kurz, weil sie nicht besonders gefördert werden. »Deutschland ist diesbezüglich ein Entwicklungsland «, sagt Anke Moka, Krankenschwester in der Pflegeeinrichtung im Lossetal. »Im Kaufunger Altenpflegeheim zum Beispiel kommen die Dementen in den Keller.« Aber auch dort tut sich etwas. Wohngemeinschaften sollen demnächst aufgebaut werden. »Die WG«, sagt Anke Moka, »erlebt eine unglaubliche Renaissance in dieser Sparte.« Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie anregend das Leben in einer Wohngemeinschaft sein kann, so wie ihr Kollege Thorsten Köster und alle anderen im Team. Die Tagespflege ist der jüngste Betrieb der Kommune Niederkaufungen wenige Kilometer östlich von Kassel. 70 Menschen leben und wirtschaften hier gemeinsam – ein kollektiver Großversuch mitten in Hessen.

Arbeitszeitbegrenzung um kein Burnout zu kriegen

Seit 21 Jahren versucht die Kommune, dem Kapital ein Schnippchen zu schlagen, ökologisch und hierarchiefrei statt individualisiert und konkurrierend zu arbeiten. Der Gewinn fließt in eine gemeinsame Kasse, aus der sich alle nehmen, was sie zum Leben benötigen. Der Durchschnittsverbrauch pro Erwachsenem liegt bei 900 Euro im Monat. So viel können die acht KommunardInnen, die im Tagespflege-Kollektiv arbeiten, aber noch nicht einbringen. Schließlich ist die vor zwei Jahren eröffnete Einrichtung noch im Aufbau und die Arbeitszeit soll wie gehabt auf drei, maximal vier Tage die Woche begrenzt bleiben. Um kein Burnout zu kriegen, wie Anke Moka anfügt, die als eine der drei examinierten Pflegekräfte im Team arbeitet. Das rechnerische Defizit gleichen vorerst ältere Kommune-Betriebe aus, die mehr erwirtschaften. Die Schlosserei zum Beispiel oder das gut belegte Tagungshaus. Auf einen Lohn von 900 Euro werden die acht im Tagespflege-Kollektiv kommen, wenn sie alle 15 Pflegeplätze voll belegen. Doch dafür braucht es mehr Personal. An dieser Stelle erweist sich das Großprojekt Kommune als schwerfällige Institution. Denn nur wer auch in die Kommune einsteigt (und die langwierige Aufnahmeprozedur mit sechsmonatiger Probezeit besteht), kann auch im Kollektiv mitarbeiten. So haben es Thorsten Köster, Anke Moka und alle anderen im Team entschieden. Wenn ein wachsender Betrieb aber dringend auf qualifiziertes Personal angewiesen ist, kann sich diese Entscheidung als problematisch erweisen. Doch Wachstum und ökonomische Absicherung stehen auf der Prioritätenliste nicht an erster Stelle. »Es geht um die Leute, die hierher kommen«, sagt Thorsten Köster und öffnet die Fenster, um frische Luft in den Speisesaal zu lassen.

Die Welt wird kleiner

Frau Metternich, Frau Koch und Frau Kuhmann gehen im Garten spazieren. Mit ihrem Auto, wie sie den Gehwagen nennt, schafft Frau Kuhmann heute drei Runden. Herr Ranz, der ihr in den Mantel geholfen hat, trällert fröhlich »Trink’- trink’ – Brüderlein trink’ – lass doch die Sorgen zu Hauuus …« Herr Ranz kennt seine Volkslieder noch aus der Zeit, als er im Söhrewalder Chor gesungen hat. Das ist lange her. Einige Wochen, nachdem er zum ersten Mal in der Tagespflege zu Gast war, fing er wieder mit dem Singen an. Herr Ranz beendet den Refrain: »… zieh doch die Stirn nicht so krauuus!« Und Frau Koch stimmt mit ein. Womit sie ihr vorsichtiges Schweigen noch am Morgen des ersten Probetages bricht. Später wird sie einen Walzer tanzen.

»Die Egozentrik nimmt im Alter zu, die Welt wird kleiner und das führt zu sozialem Rückzug. Die Demenz ist noch ein Verstärker«, erklärt Thorsten Köster. Sein Kollektiv steuert gegen, bringt die SeniorInnen in Kontakt, konzentriert sich auf ihre Kompetenzen, nicht auf ihre Defizite. Die Medizin: Animierende Spiele, die dem Gehirn Nahrung geben, dazu Ausflüge, Gymnastik, regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, Biographie und Erinnerungsarbeit, Tanz und Gesang – all das kann den fortschreitenden Verlauf einer Demenz-Erkrankung verzögern. Für den vorbildlichen Ansatz dieses Pflegekonzepts hat das Kollektiv im vergangenen Jahr den Kasseler Gesundheitspreis gewonnen.

Ein Lachen, das kommt und geht

Anke Moka sagt, die Tagespflege sei der beste Arbeitsplatz, den sie je hatte. »Ich habe noch nie so viel bei der Arbeit gelacht«, erzählt sie. Es ist ein Lachen, das kommt und geht. Frau Kuhmann kommt aus dem Garten zurück, zieht ihren Mantel aus und zischelt im Vorbeigehen: »Wir sind alle ausgebombt, die Klassenkameraden tot.« Frau Kuhmann ist Jahrgang 1932. Und Anke Moka hat diesen Satz schon oft gehört. Das Wissen um die Erfahrung einer 13-Jährigen, die
nach den Bombenangriffen keine Schulfreunde mehr hatte, löste anfangs Trauer in ihr aus. Aber auch tiefe Achtung vor dem Leben dieser Frau. Es ist halb fünf. Elf SeniorInnen sitzen in Hut und Mantel auf den Stühlen im Speiseraum und warten
auf den Bus, der sie nach Hause bringt. Frau Koch wartet auf ihre Tochter. Anke Moka will wissen, ob sie wiederkommen möchte. Frau Kochs Antwort fällt knapp
aus. »Aber selbstverständlich«, sagt sie.

* die Namen aller Gäste der Tagespflege wurden von der Redaktion geändert.

Der Artikel erschien am 13.2.2008 im Rahmen der Serie „Kollektivbetriebe“ in der Tageszeitung Neues Deutschland.

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