Sich angstfrei den Raum nehmen

Durch das große grüne Tor, die Turnhalle ist im Hinterhof, hat Birgit Tönnies am Telefon erklärt. Birgit Tönnies ist Trainerin für Kickboxen, ein Urgestein der Frauenkampfkunst in Berlin, wie auf der Webseite ihres Sportvereins zu lesen ist. Ich gehe über den Hof der Ferdinand-Freiligrath- Oberschule in Berlin-Kreuzberg und halte nach der Turnhalle Ausschau. Eine Frau kommt mir entgegen, kurze dunkle Haare, drahtig. Das ist Birgit Tönnies, 58 Jahre alt, 1,68 Meter groß, viermal deutsche Meisterin im Kickboxen, außerdem im traditionellen Karate Erste bei den Deutschen Meisterschaften und 22-mal Berliner Meisterin. Seit 30 Jahren trainiert sie Karate, All Style und Kickboxen. Eine Freizeitbeschäftigung, der die Augenoptikerin abends nachgeht, dreimal in der Woche. Ich hatte sie mir größer vorgestellt, massiver.

Es ist halb sieben, das Training beginnt. Neun Kickboxer_innen sammeln sich in der Turnhalle, die meisten sind barfuß. Unter ihnen Alessio, ein alter Hase, der schon seit 20 Jahren bei Birgit Tönnies trainiert und immer noch etwas Neues lernt. Die Gruppe ist offen für alle, die Spaß haben, gemeinsam zu powern, zu kämpfen, zu schwitzen und zu lachen, heißt es auf der Website von »Seitenwechsel«, dem größten Lesben/Frauen-Sportverein Europas. Seit 1988 gibt es den Verein, gegründet von Lesben, die gemeinsam mit Lesben Sport treiben wollten. Heute trainieren 800 Sportler_innen im Verein, auch Heteras – und Trans*. Darauf legt Alessio großen Wert, der selber Transmann ist und sich freut, dass Seitenwechsel im Juli seine Satzung geändert hat und jetzt auch offiziell Trans* herzlich willkommen heißt.

Im Training gut aufgehoben

Erst mal warm werden. Birgit Tönnies läuft im Kreis, die anderen hinterher. In schneller Abfolge wechseln die Übungen. Im Stand laufen, mit den Füßen breiter werden, Arme vor der Brust halten, trippeln. Rechtes Bein nach vorn, hintere Wade dehnen. »Und wieder lockern!«, ruft die Trainerin. Die Freude an der Bewegung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Danach die erste Partnerübung. Hanna, die heute zum ersten Mal dabei ist, lehnt sich an die Wand und geht in die Knie. Birgit Tönnies legt ihr rechtes Bein auf Hannas linke Schulter. Die kommt langsam wieder hoch und dehnt dabei das Bein der Trainerin. Und wechseln.

Es ist Viertel vor sieben. Der Geruch von Schweiß macht sich in der Halle breit. Hanna hatte vor über einem Jahr einen Bandscheibenvorfall. Danach überlegte sie, welcher Sport ihr gut tun könnte, um wieder fit zu werden. Beim Googeln stieß sie auf Kickboxen, bei dem Beweglichkeit, Schnelligkeit und Reaktionsvermögen geschult werden. Das war vor einem Jahr. »Wenn du eine Pause brauchst, nimmst du sie dir«, ruft ihr die Trainerin zu. Gerade bei den Anfängern sei es sehr wichtig, sich im Training gut aufgehoben zu fühlen. Das sei beim Kampfsport in herkömmlichen Vereinen nicht immer der Fall, erklärt Birgit Tönnies, zum Beispiel wenn der Trainer es darauf anlege, die Frau platt zu machen.

Glücklich werden im Kampf

Hanna braucht heute keine Pause. Dass Kickboxen mit seinen Schlag- und Tritttechniken auch dazu taugt, sich in brenzligen Situationen effektiv zu verteidigen, das ist für sie ein angenehmer Nebeneffekt dieser Sportart. Für Birgit Tönnies war dies der Grund, Ende der 1970er Jahre mit dem Kampfsport anzufangen. »Ich bin von drei Typen angegriffen worden«, erinnert sie sich, »daraus ist das alles entstanden.« Da war sie 25, und es war chic, asiatische Kampfsportarten wie Karate, Kung-Fu oder Judo zu erlernen. Sie wurde immer besser, trainierte für Wettkämpfe und holte bald einen Titel nach dem anderen. Im Karate brachte sie es bis zur Weltmeisterin. Fast 20 Jahre lang machte sie Wettkampfsport. Und ist der Kampfkunst bis heute als Trainerin treu geblieben.

Es ist zehn vor sieben, Zeit sich anzuziehen: Handschuhe, Schienenbeinschoner (wer welche hat) und Füße (wer welche hat). »Jetzt ist Gelegenheit, Fragen zu stellen!« ruft Birgit Tönnies mir zu. Ich frage: »Was für Füße?« – was sich von selbst beantwortet, als mein Blick auf die Fußschoner fällt, die sich Alessio gerade überzieht. »Es geht darum, mit der Partnerin glücklich zu werden«, lacht Birgit Tönnies und stellt sich vor Alessio. Jetzt wird gehauen. Alessio hält seine Boxhandschuhe schützend vor den Bauch. Die Trainerin haut mit der Linken drauf, dann mit der Rechten, es folgt ein Fußtritt mit rechts. »Und bamm, bamm, bamm!«, gibt sie den Takt vor. »Wenn ich sehe, dass mir etwas entgegengeflogen kommt, muss ich blocken können«, erklärt sie mir später, »und wenn ich hauen und treten kann, dann kann ich mich auch verteidigen.«

Der Wecker klingelt. Das ist das Zeichen, sich von der Partner_in zu lösen und sich ein neues Gegenüber zu suchen. Nicht ohne sich vorher voreinander zu verbeugen, als Äußerung des gegenseitigen Respekts. Ich schieße ein paar Fotos, was keine leichte Übung ist. »Man muss auch mal gehauen werden«, sagt Birgit Tönnies. »Um zu sehen, wie das ist.« Ich will jetzt lieber nicht sehen, wie das ist – und verzichte auf weitere Nahaufnahmen. Denn die Fortgeschrittenen sind dazu übergegangen, sich nach dem Hauen zu drehen, um dann nach hinten zu treten. Fast hätte es meine Kamera erwischt.

Es ist halb acht. Ich setze mich auf die Bank und mache ein paar Notizen. »Miteinander spielen und gucken, was möglich ist!«, ruft die Trainerin. »Wenn man sich entfalten will, muss man das angstfrei tun«, erklärt mir Birgit Tönnies später. Und das haben einige der neun Kickboxer_innen gut drauf. Sie nehmen sich den Raum, hauend, tretend, lachend: Sparring nennt sich diese freie Form des Trainings, bei der gekämpft wird, ohne sich zu verletzen. Denn es geht nicht ums Siegen, sondern darum, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Es ist acht Uhr. Die letzten Kraft- und Konditionsübungen sind gemacht und neun verschwitzte Kickboxer_innen gehen in die Umkleidekabine. Hannas T-Shirt klebt am Rücken. Keine Frage, sie will wiederkommen.

Vielseitige Bewegung

Bei Birgit Tönnies geht es jetzt in die zweite Runde. Sie trainiert an diesem Dienstagabend noch eine weitere Gruppe und tauscht dafür ihre rot-schwarze Kickbox-Hose gegen einen weißen Karate-Anzug aus. Während sich die nächsten Kampfsportler_innen warm machen, bleibt Zeit für ein paar Fragen. Was sie nach über 30 Jahren noch immer an diesem Sport reizt, will ich wissen. Sie erzählt von der vielseitigen Bewegung, bei der der ganze Körper trainiert wird und natürlich vom Sparring, bei dem so viel gelacht wurde. »Diese Form ist freier und jede kann tun, was sie will. Wenn man gelernt hat, mit der Partnerin zu kämpfen, hat man dabei viel Spaß.«

Und was ist an Tagen, an denen ich keine Lust habe, gehauen zu werden, muss ich dann zu Hause bleiben? »Nein«, sagt Birgit Tönnies. »Wenn eine sagt, heute ist mir das zu viel, ich bin nicht so ausgeglichen, nehmen wir Rücksicht auf sie. Sie wird sich nach dem Training besser fühlen.« Seit Birgit Tönnies Kampfsport macht, ist ihr Gang entschiedener geworden, ihre Art sich zu bewegen, forscher. Auch das sei ein Grund, warum sie von Männern in Ruhe gelassen werde. Doch einmal ist sie in den vergangenen 34 Jahren noch angegriffen worden: Als sie ihre Tasche auf den Beifahrersitz ihres Autos abstellte, näherte sich ihr ein Mann von hinten. Sie trat zu, ein einziges Mal. Seitdem ist Ruhe.

Der Text erschien am 1. September 2012 in der Rubrik ExperimeND der Tageszeitung „Neues Deutschland“.

Schreibe einen Kommentar