Indymedia: Mitten im Geschehen (scheinschlag 10/04)

Tränengasschwaden und Gummigeschosse prägten die Geburtsstunde von Indymedia. Zumindest laut mancher Erzählungen über die mittlerweile von Mythen umrankten Proteste im US-amerikanischen Seattle im November 1999. Die erste Indymedia-Internetseite war aus Anlaß eines Treffens der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle eingerichtet worden. Die Verhandlungen der Staats- und Regierungschefs scheiterten, die Proteste der 40000 Demonstranten hatten ihren Teil dazu beigetragen. Sie markierten damit den Beginn einer weltumspannenden Bewegung. Die „Globalisierungsgegner“ sind seitdem nicht mehr wegzudenken von internationalen politischen Treffen, etwa G8-Gipfeln. Was dort vor sich geht, ist seitdem nicht mehr nur aus professionellen Medien und Polizeiberichten erfahrbar, sondern auch aus der Sicht der Protestierenden. Hunderte Leute, zum Teil mit einer Kamera ausgerüstet, berichten aktuell bei Indymedia über Demonstrationen, über einzelne Aktionen und über Polizeigewalt.

Das war und ist die Kernidee der Independent Media Center (IMC) oder Indymedia: „Become your own media ­ mache deine eigene Berichterstattung“. Dank des Prinzips „Open Posting“ kann jeder, der einen Zugang zum Netz hat, einen Beitrag einsenden. Sei es ein Text, ein Foto oder ein Film ­ in Minutenschnelle ist er im World Wide Web abrufbar.

Die Idee der alternativen Medienzentren hat sich in den letzten fünf Jahren schnell über den Globus verbreitet. Mittlerweile gibt es weltweit über 140 solcher IMC. Allein in den USA findet sich in jeder größeren Stadt eins, insgesamt über 40. In Deutschland gibt es bisher nur ein überregionales Indymedia, es ging im Frühjahr 2001 ins Netz. Anlaß war ein Castor-Transport ins niedersächsische Gorleben. Über drei Jahre später wird das unabhängige Nachrichtenportal täglich von 10000 Leuten besucht. Gefeiert wird dieser Erfolg und das runde fünfjährige internationale Jubiläum mit einem „Media Activist Gathering“ Ende November in Berlin.

Die Zahl der Zugriffe beim deutschen IMC war seit dem Sommer im Zuge der Montagsdemonstrationen deutlich gestiegen; jüngst ließ der Tod eines Atomkraftgegners in Frankreich, der von einem Castor-Zug überrollt wurde, viele Leute das Angebot nutzen. Die Beschlagnahme von Indymedia -Computern in den USA und Großbritannien durch den US-amerikanischen Geheimdienst FBI Anfang Oktober brachte Indymedia erneut international ins Gespräch. Der Betrieb von über 20 verschiedenen IMC war von diesem „Geburtstagsgeschenk“ des Geheimdienstes betroffen gewesen. Zwar wurden die Festplatten nach gut einer Woche wieder zurückgegeben, eine Begründung seitens der Behörde steht aber weiterhin aus. Unabhängige Medienberichterstattung, wie sie bei Indymedia stattfindet, ist manchem offenbar lästig.

Das Internet-Nachrichtenportal Indymedia feiert sein fünfjähriges Bestehen

Das Internet ermöglicht eine nie dagewesene Form von Kommunikation, Information und Vernetzung. Seit das WWW 1991 in Betrieb ging, wurde es Schritt für Schritt von sozialen Bewegungen als Medium erschlossen. Überaus erfolgreich damit war als erstes die EZLN. Als sie 1994 unerwartet den Aufstand im mexikanischen Chiapas begann, stellte sie eine eigene Seite ins Internet. Die Revolutionäre im lakadonischen Urwald konnten so ohne Umwege ihre Botschaft in die Welt senden, keiner konnte sie zensieren oder ihre Stimme unterdrücken.

In dem Sinne versteht sich auch Indymedia als Plattform, die allen für ihre Botschaften offen steht. In Deutschland sind es einige dutzend Leute, die ehrenamtlich als Moderatoren und Techniker im Schichtdienst das IMC betreuen. Nach bestimmten Kriterien werden die „geposteten“ Beiträge auf die Startseite des Nachrichtenportals gestellt. In diesen „Newswire“ gelangen in erster Linie tatsächliche Nachrichten und selbstverfaßte Berichte. Flugblattexte oder Demonstrationstermine sind in der Rubrik „Open Posting“ zu finden, wo alle eingehenden Berichte chronologisch nachzulesen sind. Beiträge, die beispielsweise rassistischen oder sexistischen Inhalts sind, werden im „Müll-Archiv“ abgelegt. Es kann nach Absprache eingesehen werden, denn die IMC wollen transparent arbeiten. Jeder kann sich über Mailinglisten an Diskussionen beteiligen und mitarbeiten.

Besonderer Stein des Anstoßes für Kritiker des Indymedia -Konzepts ist die „Ergänzungsfunktion“. Jeder Beitrag kann kommentiert werden. Dabei geht manchmal die Sachlichkeit verloren. Die Moderatoren versuchen dann, die tatsächlichen, ergänzend gemeinten Kommentare von denen ohne direkten Bezug zu trennen, letztere landen in schlecht lesbarer Schrift am unteren Ende der Seite. Doch gerade bei Beiträgen zum Thema Nahost flammt immer wieder erbitterter Streit auf, finden abstruse Diskussionen unterhalb des ursprünglichen Beitrags statt. Gegenseitig beschimpft man sich etwa als „Nazis“, und manchmal wird dann der Ruf „Indymedia abschalten!“ laut.

Das gilt es auszuhalten, meinen die Moderatoren. Einer von ihnen formuliert es so: „Ich finde es wichtig, Subjektivität bei Indymedia klar zuzulassen und den Leser damit zu konfrontieren. In den Ergänzungen unter dem Text tauchen Gegenmeinungen auf. Und so wird dem Leser auch bewußt, daß es immer eine bestimmte Realität, eine bestimmte Wahrnehmung ist, die in den jeweiligen Beiträgen deutlich wird.“

Manchmal ist zu hören, daß es sich bei Indymedia um keinen ernstzunehmenden Journalismus handeln würde. So würde beispielsweise die redaktionelle Bearbeitung und Überprüfung der Nachrichten fehlen. Diesen Vorwurf weist man von sich. „Indymedia ist ein Prinzip“, sagt ein zweiter Moderator, „jeder, der hier schreibt, macht Indymedia mit und ist mitverantwortlich.“ Der sogenannte seriöse Journalismus besteht, so sehen es zumindest die Aktivisten, teilweise aus Augenwischerei. Oft schreiben die Journalisten der professionellen Medien eh nur ab, was Agenturen, Presseerklärungen oder Fernsehen ihnen liefern, meinen sie. Und das würde dann „Objektivität“ genannt. Die „Reporter“ von den IMC dagegen sind oft mitten im Geschehen. Und das merke man dann ihren Beiträgen an, denn „es gibt Leute, die da sehr journalistisch herangehen, die als unabhängige Journalisten arbeiten. Und es gibt Leute, die ihre Arbeit in Bewegungen selbst porträtieren. Für beides will Indymedia offen sein.“

(scheinschlag)

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